"Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen"
 

Und wieder brennen Synagogen, wieder werden Menschen in Deutschland wegen ihrer Herkunft oder Religion ermordet, wieder fürchten Juden um ihr Leben, wieder hetzen Politiker gegen Ausländer, wieder marschieren die Nazis auf. Und wieder reagiert man gleich: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. „Der Deutsche“ kann ja ganz beruhigt sein. „Der Deutsche“ ist ja kein Opfer. „Der Deutsche“ ist ja deutsch.
 

Wie ist es möglich, dass ein Drittel aller Jugendlichen rechtsextreme Meinungen vertreten und anderseits die Mehrheit der Schüler nicht weiß, was Holocaust und Auschwitz, was Rassismus und Antisemitismus bedeuten? Warum sollen Ausländer sich der „deutschen Leitkultur“ anpassen, sollen die deutsche Geschichte und das politische System der Bundesrepublik Deutschland kennen, wenn selbst „deutsche“ Schüler nicht die elementarsten Fakten und Begriffe wissen?
Während den Zeiten der RAF wurden vom Staat alle legalen und illegalen Mittel eingesetzt, um der (linksextremistischen) Gewalt ein Ende zu setzen. Heute scheint man auf dem rechten Auge blind zu sein. Zwar gibt es viele Kundgebungen „gegen Rechts“ und wohlklingende Reden der Politiker, aber im Alltag tut sich (fast) nichts. Weiterhin wird das Verhalten der Jugendlichen entschuldigt und verharmlost. Aber kein schlechtes Elternhaus, kein schlagender Vater, keine Arbeitslosigkeit, keine zurückgebliebene Entwicklung und mangelnde Intelligenz entschuldigt den Mord an einen Ausländer, Juden oder Obdachlosen. Die Jugendlichen sind nicht die Opfer der Gesellschaft, sondern sie sind Täter! Es gibt keine Entschuldigung für Mord, Gewalt und Zerstörung. Die Täter dürfen nicht weiter mit Bewährungsurteilen geschont werden, die erst viele Monate nach dem Verbrechen ausgesprochen werden, sondern sie müssen schnell bestraft werden.
Heute müssen sich auch einige Politiker den Vorwurf der verbalen Brandstiftung gefallen lassen. Es ist nicht christdemokratisch, wenn man Ausländer wie Tiere in „nützlich“ und „nutzlos“ unterteilt, wenn man mit Sprüchen wie „Kinder statt Inder“ einen Wahlkampf führt und wenn man die Ausländerfeindlichkeit nur als Medienprodukt bezeichnet.
Heute sitzen in jedem vierten Landtag rechtsextreme Parteien, jeden Tag gibt es zwei rechtsextreme Gewalttaten gegen Ausländer, Juden, Obdachlose oder Linke, und insgesamt geschehen täglich mehr als 27 Straftaten von Rechtsextremisten. Seit der Deutschen Einheit wurden fast 100 Menschen von Neonazis ermordet. Dies alles ist kein Produkt hysterischer Medien, das alles sind die Taten von antisemitischen, rassistischen und fremdenfeindlichen Deutschen.
Deutschland ist schuldig, und zwar mehrfach. Die erste Schuld war die der Deutschen unter Hitler, die die Ermordung der Juden zugelassen haben, die wussten, was das Ziel Hitlers war und trotzdem schwiegen oder wegschauten. Die zweite Schuld ist die der Verdrängung und Verleumdung der ersten nach 1945, um die zweite deutsche Demokratie und ihre politische Elite nicht zu gefährden. Heute droht die dritte Schuld: Die gleichen Fehler erneut zu begehen, wieder wegzuschauen und die Verbrechen zuzulassen. Natürlich ist niemand der Nachkriegsgenerationen schuld am Holocaust. Allerdings machen wir uns heute schuldig, wenn wir nichts tun. Und wir können nicht behaupten, wir wüssten von nichts.
 

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