Die Greifenwerkstatt
 
 

Lebenshilfe für Behinderte- warum?

... Die Werkstatt für Behinderte ist eine Einrichtung einer kirchlichen Organisation, wird getragen von dem Pommerschen Diakonieverein mit Sitz in Züssow. Vom Träger  rührt offensichtlich auch das soziale Engagement her, mag man vorschnell meinen. Auf den zweiten Blick gestaltet sich seine Rolle aber durchaus etwas verflochtener. Hierzu ein kleiner simpler Exkurs zu den Grundpfeilern unserer Gesellschaft:

Ein kleiner Ausflug in unser Staatswesen

Wie wir alle wissen, schimpft sich unser demokratisch-parlamentarisches System auch gerne Sozialstaat. Aber was hieß das noch mal?- Vereinfacht gesagt, kommt es einer Bürgschaft zwischen Staat und Staatsbürger gleich, in dem der Staat eine gewisse soziale Verantwortung für seine Einwohner übernimmt. Damit eng verknüpft ist das unantastbare Persönlichkeitsrecht des Einzelnen, die gern zitierte „Würde des Menschen“, die unser Staat laut Gesetz zu wahren hat und die er auch konkret sicherstellen muß, wenn die gesellschaftliche Situation eines Bürgers plötzlich umkippt und ihn nicht mehr dazu befähigt, seine essentiellen Existenzbedürfnisse und -bedingungen zu erfüllen.

Das kann jeden unerwartet treffen. Nennen wir diesen Jedermann doch einmal Otto. Q. - Q wie Querschuß. Otto hat durch ein „Versehen“ Frau und Arbeit in kürzester Zeit verloren. Er ist 53 Jahre alt, verwitwet und gelernter Maurer.- Kurzum: Ottos gesellschaftliche Position ist brisant. Hier muß der Staat aktiv werden. Warum? Nun überließe man Otto sich selbst, wäre er bald nebst seiner Arbeit auch schnell seine Wohnung los. Er landete vielleicht auf der Straße, schliefe die eine oder andere Nacht unter der Brücke, eingehüllt in der gestrigen Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen. Mitunter würde er auch Besuch von streunenden Hund bekommen, müßte er die abfälligen Blicke und Sprüche von Passanten an seinem Leib ertragen. „Aber die haben ja keine Ahnung!“, brummelt Otto wie ein Uhrwerk seine starren relativierenden Standardfloskeln in sich hinein und verrichtet seine Notdurft am Fuße der weichenden Parkbank.
Es erübrigt sich zu erwähnen, daß Otto sich in Wahrheit gänzlich unwürdig und überflüssig vorkommt.

Aber Otto Q. muß  auch nicht obdachlos sein. Dank des „sozialen Netz“, das der Sozialstaat für Leute wie Otto ausgespannt hat,  kann Otto in seiner Notlage Sozialhilfe beziehen und so Wohnung sowie Lebensunterhalt nun doch bestreiten.- Doch damit nicht genug. Vielleicht kann Otto sogar mit einer ABM-Maßnahme rechnen und alle anderen „Hilfebedürftigen“ können das auch. Denn sie sollen nicht nur am Geldtropf künstlich am Leben gehalten werden, wodurch die Faulheit des arbeitsunwilligen Sozialschmarotzers vielleicht noch gestärkt wird, nein, um die freie Entfaltung des Individuums zu gewährleisten, kümmert sich der Staat darüberhinaus, d.h. wenn erforderlich, auch um eine sachgemäße Förderungsarbeit von Menschen mit „Hemmungen“. Das fängt mit der allgemeinen Schulpflicht an, nach der arme Schülerseelen zur „Weiterbildung“ den halben Tag in einem Gebäude eingesperrt werden und malträtiert wieder herauskommen, geht hinweg über die ABM-Maßnahme bis hin zur Förderung des gehandicapten Menschen.

„Otto und die Behinderten“

Ein Mensch mit einer Behinderung hat also- und hier schließt sich der Kreis- (laut Sozialgesetzbuch III) das Anrecht auf  eine Förderungsmaßnahme mit dem Ziel, ihn sozial zu integrieren. Was ihm der Gesetzgeber verspricht, dafür müssen Sozialträger einstehen, also zum Beispiel: Arbeitsamt, Sozialamt etc. Doch wie soll man als Sozialarbeiter einen Behinderten vom Sinn seiner Persönlichkeitsentwicklung überzeugen? Muß man ihm hierzu erst „Gesellschaft“ erklären, und das noch in einer ihm verständlichen Art und Weise? Müßte man mit Worthülsen auf ihn eindreschen, bis er vorgibt zu verstehen, daß die „freie Entfaltung“ seiner Person, die Steigerung seines Selbstwertgefühles unabdingbar ist? Nein, als Sozialarbeiter ist man da machtlos, vielmehr reicht man die Aufgabe weiter. Und an dieser Stelle kommt die Greifenwerkstatt als autark anerkannte Einrichtung ins Spiel. Sie bietet ihre Hilfe dem Sozialträger an, und arbeitet nach einer Leistungsvereinbarung einen Vertrag mit dem behinderten Menschen aus. So wie sie nur einer Notwendigkeit entspringt, einer „Nachfrage“ in gewissem Maße, entspricht die Struktur der Behindertenwerkstatt also gewerblicher Natur. Der Vergleich mit einem Unternehmen hinkt jedoch, bedenkt man, daß der tragende Vereine keine Gewinne einstreichen dürfen. Die Werkstatt versteht sich vielmehr als ein Wohlfahrtsorgan, was aber nicht heißt, daß sie sich nicht rentieren braucht. Zwar wird die Greifenwerkstatt vom staatlichen Leistungsträger finanziell unterstützt, dennoch müssen Beschäftigte und Personal immer noch bezahlt und versorgt werden. Daher wendet sich die Werkstatt auch an das Gewerbe und den Einzelhandel und bietet ihnen eine Vielfalt von Dienstleistungen an. Unter dem Dach der Greifenwerkstatt gliedert sich die Produktion nämlich in mehrere Arbeitsbereiche mit gar unterschiedlichen Ausrichtungen. Mit dem Hauptaugenmerk auf eine bunte Streuung der Aufgabenfelder werden so nicht nur unterschiedliche Unternehmen angesprochen, sondern kann auch den voneinander abweichenden Interessen der Behinderten Genüge getragen werden. Während der „technisch Versierte“ so vielleicht seine Freude an Gewindeschneidearbeiten in der Metallwerkstatt oder bei der Reparatur von Fahrrädern (in der Zweigstelle in der Feldstraße) entdeckt, zieht es den leiden-schaftlichen Bastler vielleicht eher in die Keramikwerkstatt oder den schöpfer-ischen Schreibtisch-täter in den Büro-service.

Die gewerbliche Situation

Die Freude am Arbeiten, am gemeinschaftlichen Zusammensein, sie sollte eigentlich im Vordergrund stehen, aber besonders erstere gedeiht und fällt mit dem Eingang von Aufträgen. Frau Hahn deutet auf einen ganzen Stapel von Kisten im Wareneingang. „Die müssen alle noch bearbeitet werden.“, meint sie. „So ein großer Auftrag? Na, das ist doch toll.“, behaupte ich voreilig und werfe kühn einen Blick in eines der handelsüblichen Pakete. Sie sind allesamt gefüllt mit lauter kleinen Drähten und dünnen, weißen, länglichen Plastikteilen mit kleinen Kerben, die emsig zusammenklamüstert alle einmal Wäscheklammern werden sollen. Huch... „Aber wir brauchen das Geld“, meint Frau Hahn und hält kurz inne, „für die Behinderten.“ Die finden letztlich gut Dreiviertel ihrer erwirtschafteten Einnahmen als Arbeitsvergütung auf ihrer Lohnsteuerkarte wieder. In Zahlen ausgedrückt seien das im Durchschnitt aber nicht mehr als 210 Mark, wofür die Behinderten gut und gerne 35,5 Wochenstunden ableisten müssen. Im landesweiten Vergleich liege das noch über dem Durchschnitt, bundesweit weit darunter. Ich stutze. Bei 35,5 Wochenstunden ergebe das einen schäbigen Stundenlohn von 1,50 DM. Wie kann das sein? – „Das hängt damit zusammen, daß wir oftmals maschinelle Produktion konkurrieren. Wir verwenden die Arbeitskraft der Behinderten für die Aufgaben, wofür andere Anbieter im Umland Maschinen benutzen. Wir müssen die Preise also am Markt orientieren. Da bleibt nicht viel übrig.“, erläutert Frau Peters, ihres Zeichens Geschäftsführende der Greifenwerkstatt.. Marktorientierung? Für mich klingt das nach einem eleganten Begriff für einen schwammigen Sachverhalt.. Was heißt das? Wer bewacht das und verhindert ein Debakel wie in der Bauindustrie, wo mitunter Preise gedrückt und Baufirmen in Reihen in den Ruin getrieben werden? Wäre das mit Behinderten genauso möglich? „Nein,“, meint Frau Peters. Da hätte sich der Leistungsträger ja selbst in den Finger geschnitten. Die Werkstatt sei an klare Richtlinien von Industrie- und Handelskammer gebunden, die die Marktorientierung und den regionalen Wettbewerb regeln und sicherstellen. Tatsächlich darf sie nicht weniger für denselben Auftrag verlangen, als alle anderen auch. „Und warum sollte sich der Auftraggeber dann noch an die Greifenwerkstatt wenden, wenn die Konkurrenz zum gleichen Preis zumeist schneller und hochwertiger produziert? Wohl kaum des sozialen Engagements wegen.“- „Doch“, erwidert Frau Peters. In ihrem Büro sitzend wirkt sie etwas unruhig, so wie sie mit ihrem Kugelschreiber zu spielen beginnt und sich auf den Tisch aufstützt. Sie gibt sich Mühe, geduldig meine Fragen zu beantworten und erklärt, daß Auftraggeber aus Unternehmen und Industrie in Kooperation mit der Greifenwerkstatt vom Gesetzgeber subventioniert werden, wenn sie einen steuerlichen Ausgleich erhalten. Dann versucht sie das eingefahrene Gespräch umzuleiten: „Aber die Arbeit (die die Behinderten leisten) ist gar nicht der entscheidende Faktor“, erklärt sie. Vielmehr kümmert sich die Werkstatt wie selbstverständlich auch um die sozialen Belange der Behinderten.

Oberstes Ziel sei schließlich immer noch die soziale Rehabilitation des behinderten Menschen, was sich in der sozialen Betreuung widerspiegele, und sich speziell in arbeitsbegleitenden Maßnahmen sowie einem gefächerten Angebot an Therapiekursen, der Organisation von Gruppenveranstaltungen oder Urlaubsmaßnahmen äußert. Die vorhin konstatierten 35,5 Wochenstunden eines Behinderten verstehen sich im übrigen als reine Anwesenheitszeit. Darin sind Pausen, täglich eine halbe Stunde Physiotherapie oder vielleicht einmal ein kurzer erfrischender Besuch im Snoezelraum „mitinbegriffen“. Das Arbeitsklima ist ohnehin viel lockerer. Es lastet überhaupt kein Druck auf den Behinderten. Sie können sich frei in der Anlage bewegen, sich jederzeit an das Personal wenden oder gar eine viertel Stunde mal den gequälten Kopf auf die Tischplatte legen, um nichts anderes zu tun, als zu dösen...

Der Fels in der Brandung

Während ich mich irritiert nunmehr etwas kläglich nach allen Seiten im Gang umschaue, fällt mir doch nebst Frau Hahn ein behäbig schlurfender Geselle von stämmiger Statur auf. Ein kämpfender, kurzsichtiger Riese mit leicht lichtem Haar, massiger Gestalt und Schnauzbart.  Sein Gang ist schludrig, schwermütig. Ich schätze, er muß uns bereits einige Zeit hintergetrottet sein. Gar unkontrollierte Gesten und bohrende Blicke, die auf mir hafteten, habe ichja schon erfahren, war sie fast gewohnt, aber dieser Mensch grölte gar kleinlaut krächzendes Geplapper im sachten Laufschritt: „Tack, tack!“ Mit dumpfen Schritten eilt er uns entgegen. „Tack!“, ruft er noch einmal. Dicht aufgeschlossen hält er an und streckt mir seine offene Faust entgegen. “Taaack!”, brubbelt er abermals recht verwegen. „Hallo, Frank.“, plaudert Frau Hahn in empathischer Pose. Sie löst die Situation auf, als sie mir erklärt: „Er will Ihnen auch ‚Guten Tag’ sagen“. „Ah, hallo“, meine ich etwas lax zu Frank und gebe ihm meine Hand, schaue in seine braunen Augen und versuche ein wenig darin zu lesen. Was sie alles schon gesehen haben?- An was er wohl denkt?-Frank? Oder besser englisch ausgesprochen: Fränk? Ja, das hört sich gut an, klingt nach „Sommergewitter“ oder Lauffeuer. Fränk? Ja, das wäre vielleicht auch ein guter Name für ein Hurrikan, der baldigst die amerikanische Ostküste streift und sogleich verwüstet.Fränk. So stark, so betriebsam, so weltoffen, einfach frei. Ja, danach klingt Frank, zumindest für mich. Aber der Frank, so wie er mir gegenübersteht, macht einen etwas angeschlagenen Eindruck. Er ist 32 Jahre alt und arbeitet fast seit Anbeginn der Werkstattgründung 1991 im Montagebereich mit. Auch er war einer derjenigen, die den lieben langen Tag heute mit Wäscheklammern zusammenbasteln verbrachte, und so sieht er auch aus. Etwas müde, unbeholfen schielt er mich recht vermessen über den oberen Rand seiner klobigen Brillenfassung an, dann schwimmt ihm ein Lächeln auf seine Gesichtszüge. Frank wirkt erleichtert. Warum nur?- „Tack, tack!“ So schallt es noch immer in höheren Sphären. Ja, wahrlich. Es ist ein schöner Tag, ein sehr schöner Tag sogar, so wie die Sonne scheint und es nach Frühling riecht. Aber gestern war auch ein schöner Tag. Und dabei hat es gestern geregnet, in Strömen. Eigentlich ist jeder Tag ein schöner Tag, jede Nacht eine schöne Nacht, unabhängig vom Wetter, unabhängig von Geschichte oder Perspektive. Was ist daran so schwierig zu verstehen? Selbst der tobende Frank hat das längst begriffen, deshalb freut er sich auch immer so sehr. Eine Wonne, wie er mich zu dieser fulminanten Erkenntnis trieb. Und langsam frage ich mich, wer hier tatsächlich der „Autist“ ist, wer eher seine Sinne im Snoezelraum schärfen müsse. Ich deute mit dem stumpfen Finger auf mich, dann um mich.

Nun, mittlerweile ist es beinahe 15 Uhr, kurz vor Feierabend. Frank sehnt sich sicherlich nach Hause, sein langer „Arbeitstag“ neigt sich dem Ende. Zuvor greift ihn Frau Hahn noch auf, unterhält ihn ein wenig. Mir bleibt derweil nur der Anblick von den zuvor noch betriebsamen Beschäftigten, die nun nach und nach die modern eingerichtete Werkstatt mit ihrer auffallend rot verklinkerten Fassade verlassen, nicht aber ohne ein freudiges „Auf Wiedersehen“ zu krakeelen- zu jedem, der es hören will. Sie strömen auf die weitläufige Anlage, werden von den Zivildienstleistenden empfangen und in Grüppchen nach Hause gefahren. Bei den 230 psychisch wie geistig behinderten Beschäftigten, die in der Werkstatt angestellt sind und aus ganz Greifswald wie teilweise aus Ostvorpommern zusammengesammelt worden sind und wieder nach Hause gefahren werden müssen, gestaltet sich die Beförderung sehr aufwendig, gehört aber zum Service der Behindertenwerkstatt dazu. „Daher suchen wir auch dringend immer nach Zivis mit Führerschein, die aufgeschlossen sind, einfühlsam, sozial engagiert sowie ver-ständnisvoll und auch sonst einen guten Umgang mit Menschen pflegen“, meint Frau Peters, „oder aber Freiwillige, die ein soziales Jahr bei uns ableisten wollen.“

Während Frank sich noch ein wenig weiter unterhält, packe ich derweil meine Sachen, verabschiede mich und verlasse gleichfalls das Gebäude. Ich trotte auf die Anlage, schließe mein Fahrrad ab und trete ordentlich in die Pedalen. Dann erblicke ich Frank, und er erblickt mich, winkt mir taktvoll zu. Ob er Freundschaft wollte, mich für seinen neuen Kollegen hielt?... Immer noch denke ich, wir sollten die Rollen tauschen...

Auf dem Weg nach Hause genieße ich die herabsengenden letzten Strahlen der Wintersonne. Ein überdimensionaler Scheinwerfer brennt mir auf der Haut, säubert meine Poren. Dann läuft er mir die Nasenscheidewand hinauf. Das kitzelt. Umspielt mich, plätschert daher wie Wasserbläschen. Nun, welch fremde Welt...

Volker Schloßhauer