Nur die Starken überleben...
"Big Botulinum"
 
 

Oh, hallo. Ich schätze, wir kennen uns noch nicht. Darf ich mich vorstellen? Ich bin Frank, das Clostridium botulinum - Bakterium und niste mich gerade in dieser Konserve ein. Gemütlich, nicht?- Also, ich liebe ja auch dieses sterile Ambiente im anaeroben Stil einer handelsüblichen Konserve, so wie sie von Menschenhand produziert wird. Auch liebe ich insbesondere diese kleinen Dellen an der Innenwand zu meiner neuen Wohnung. Welch Wonne, seine gestreßte Außenhülle daran reiben zu können und sein Murein zu stimulieren. In einem Anfall von Gelächter platzt es dann gerne aus mich heraus, wenn ich lausche, wie auf der Kehrseite diese fiesen Sauerstoff-moleküle an der Dosenwand hämmern und rein wollen, aber nicht können. Mensch-lichem Schaffen sei Dank! Denn der Sauerstoff ist mein Tod. Dem Menschen habe ich anscheinend einiges zu verdanken, obwohl sie die Feinde meiner Gattung sind:    Vielen meiner Genossen haben sie nämlich das Leben ausge-pustet. In sogenannten Massen-konservierungsanlagen wurde uns eingeheizt, bis die Geißel knickte. Warum? Nun, das ist die alter Leier, die alter Rivalität zwischen Mensch und Bakterium, wobei sich jeder auf das Prinzip der uneinge-schränkten Willkür beruft, wenn er den anderen um die Ecke bringt. Die Menschen nennen das auch gerne Notwehr, nach dem Motto: „Würden wir euch nicht Hops nehmen, beschert ihr uns beim nächsten Gemüsesalat ein böses Erwachen“- Hach, welch Maskerade! Wenn sich dann noch jedes Bakterium darauf berufen würde, in Notwehr gehandelt zu haben, als es den Menschen erlegte, wo der zu seinen Konservierungsstoffen griff, wäre die ganze Situation ad absurdum geführt. Notwehr? Paah. Die Menschen waren doch jene, die den Krieg vom Zaun gebrochen haben, mit ihrem Flemming. Und da haben wir halt nachgezogen. Und? Haben wir uns nicht prächtig entwickelt? Wir sind wirklich gehässiger geworden, produzieren mittlerweile das am stärksten wirkende Gift der Anaerobier. Und darauf sind wir hier alle stolz. Denn welcher Mensch auch von echtem Botulinumgift probiert, wird in den nächsten 24 Stunden klammheimlich unter irgendeinem Tisch versinken. Ach, was solls! Spart euch den Arzt! Ruft lieber ein Bestattungsinstitut! Hahaha. Darauf trinken wir einen, was Harry?

„Big Botulinum“- der Einzug

Also wenn ich mich anstrenge, kann ich mich vielleicht noch an meinen Einzug in die Konserve erinnern. Das war vor 105 Tagen. Ich wurde damals in die Konservierungsanlage Eschweiler gerufen und landete dort nach einem kurzem Gespräch mit den Oberinspektoren in einer Maisdose. Die Einbuchtung verlief relativ unspektakulär. Ich mußte mich nur freimachen und auf all meinen Sachen meinen Namen vermerken. Die würden mir dann in Koffern nachgetragen werden, versicherte man mir. Bewacht von vielen, vielen Menschen-augenpaaren zog ich darauf in die Konserve ein, was folgte war ein zermürbendes Warten, ein Warten auf die letztliche Konservierungsmaßnahme. (Einigen von meinen Kollegen Clostridia war anscheinend gar nicht bewußt, daß sie hier drinnen ihren Verstand verlieren werden. Sie begriffen das Projekt wohl als einen Gaudi, dachten sie wären freiwillig hier. Als ich ihnen die Wahrheit erzählen wollte, erntete ich nur hohnendes Gelächter...) Vielleicht habe ich ja schon meinen Verstand verloren, denn tatsächlich fand diese Konservierungsmaßnahme niemals statt. Ich schätze, der Ofen muß in der Fabrik ausgefallen sein, und unsere Blechbüchse lief daher wärmeunbehandelt von Band. Viele meiner neuen Freunde waren so kaum imstande, ihr Glück zu ermessen, als die Temperatursteigerung merklich ausblieb. Für sie war es ja normal, daß sich nichts änderte. Sie haben weiter Salsa getanzt und ihren Limbowettbewerb fortgeführt. Für mich war aber alles so unbestimmt, so schicksalhaft. Ich zog mich zurück.
Bald würden wir also in den Supermarkt-regalen stehen. Bald würden wir wieder befreit werden. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.- Schnell richtete ich mich in meiner neuen Wohnung ein, gewöhnte mich langsam an die neuen Verhältnisse im Container, und begann der ganzen Sache etwas Positives abzugewinnen. Die Büchse war nunmehr zu einem Projekt geworden, einem Entwicklungsstadium für mich gleich. Sie verlor ihren Selbstzweck, mutierte selbst zum Mittel. Sie bietet mir nun die besten Lebensgrundlagen, wie ich sie mir hätte nicht besser ausmalen können. Ich kann mich hier drinnen frei entfalten, was unabdingbar sein wird für meinen Auszug. Denn spätestens da muß ich genug Gift zusammenhaben für meinen späteren Konsumenten. Und das ist auch die ganze Show. Bis dahin muß ich noch ein bißchen betriebsam sein. Das selbst ist zwar weniger spaßig, aber die Vorfreude auf den Showdown bereitet mir jetzt schon schlafnose Nächte.
Aber zurück zu unserem Gemeinschaftsleben, denn ich bin hier drinnen natürlich nicht alleine. Zusammen mit meinen Artgenossen bildeten wir jüngst noch eine Clostridium-Kultur, wenn auch nur eine ganz Kleine bestehend aus drei Clostridium-individualisten. Also, wir waren mal zwölf unserer Gattung, aber zu dicht auf einem Haufen gepfercht, kriegen wir uns eigentlich nur in die Wolle und es setzt ein außergewöhnlicher Konkurrenzkampf ein. Eingesperrt in der Konserve lässt sich der so nicht vermeiden und so messen wir uns immer, wer denn nun den besten Stoffwechsel hat und das meiste Gift erzeugen kann. Mitunter bleibt da einer auf der Strecke, auch wenn wir das vornehmlich nur zur Balz inszenieren, denn der Gewinner darf sich mit dem einzigen kopulations-bereiten Männchen in unserem Verband parasexuell über eine Membraneinstülpung verbinden. Folge-richtig wetteifern also hauptsächlich die streit-süchtigen Weibchen mit-einander sowie das bisexuelle Männchen in unserer Runde. Ich bin übrigens auch ein Männchen und noch solo, obwohl man bei uns Bakterien ja genaugenommen keine geschlechtsspezifische Unterscheidung vornehmen kann. Dennoch haben sich in unseren Reigen einst Grüppchen gebildet, wo der eine bestimmte genotypische  Nukleinketten in der Erbsubstanz des anderen vorzieht und ausschließlich mit diesem Bakteriumpartner zusammen sein oder Parasex haben will, was aber vom Partner zumeist und bis auf den einen lüsternen Genossen hier abgelehnt wird. So könnte doch jederzeit die Konserve durch menschliches Wirken geöffnet werden, und wie sehe das denn aus, wenn man unter den Blicken der zivilisierten Bevölkerung in anstößiger Weise öffentlich miteinander rumfingert oder gar Substanzen verteilt. Also ich hätte das nicht drauf, bin aber auch zugegeben kein sehr risikobereites sondern allemal eingeschüchtertes Männchen, das jegliche Kontaktnäherung eines Genossen prompt abblockt, könnte es doch ein parasexbesessenes Weibchen sein.  Erst neulich hatte ich eine eindrucksvolle Begegnung mit einem Clostridiumweibchen. Das passiert nicht häufig, denn gerne verstecke ich mich in der hintersten Ecke in der Konserve unter einem besonders großen Maiskörper, der augenscheinlich der Gauß’schen Normal-verteilung entronnen sein muß. Sie ist die Alida und näherte sich mir leicht tänzelnd und mit schwungvollen Geißelschlägen, dass mein Cytoplasma förmlich in Wallung geriet und mir just zu diesem Zeitpunkt besonders viel Gift entfleuchte. Hups!- Sie muß furchtbar geil gewesen sein. Denn in der gesamten Bakterienkultur gelte ich als frigider Artgenosse. Es wäre töricht, mir zuzuschwänzeln, habe ich meine Prinzipien seit meiner Einbuchtung hier doch klar abgesteckt. Kein Sex im Container! Da muß man also wirklich sehr bedürftig sein, um es mit mir zu probieren. Dennoch war das schwänzelnde Weibchen deshalb nicht gerade unattraktiv. Ihre kernigen Ribosomen beeindruckten mich sogar sehr. Einfach süß. Atemberaubend waren aber auch ihre Rundungen, besonders die ihres Plasmidstranges. Wow! Aber noch ehe sie mir den Verstand rauben konnte, überwältigte mich wieder diese xenophobische Angst, und ich war bereits über alle sieben Maisberge verschwunden, noch bevor das Weibchen intimer werden konnte.
In Retroperspektive ist das nur vernünftig. Man stelle sich mal vor... Huch, was geschieht hier?- Wie vernehme ich es? Welch ruppiger Strom. Ach, ich ahne es. Ein furchtbarer Wellengang liegt in der Materie. Mir wird ganz schlecht. Auch bekomme ich tierische Kopfschmerzen, so wie hier die Maiskörper prasseln, mich und meine Kultur arg mit ihrem Gewicht in Bedrängnis bringen. Gott sei Dank, ist mein Nistplatz gut geschützt, am Rande der Maisdose gelegen. Einen schlechteren Platz erwischte wohl ein undankbarer Genossen neben mir, der mich just unglimpflich heimsucht, um sich meinen geschützten Lebensraum am Rande der Büchse anzueignen. „Hau ab!“, kreisch ich lauthals und wehre mich wider meiner Natur vehement, daß ein jener unschön von dem Maiskörper über ihm zerquetscht wird. Das tut mir mittlerweile leid, aber einer von uns mußte halt sterben. Der Wellengang hört schließlich auf, dafür wird es aber für Bakterienrezeptoren unheimlich laut, so wie ein ohrenbetäubender Knall in unserem Container praktisch unendlich widerhallt und in seiner Intensität nur langsam nachläßt.
Für mich ist damit klar, dass mit diesem Zeitpunkt ein neuer Lebensabschnitt für mich beginnen würde. Alles würde sich ändern. Ich befinde mich in völliger Euphorie und steigere mich zugleich in Visionen von einer besseren Zukunft. Die Dose wird nämlich von einem gutgläubigen Menschen geöffnet- einem Menschen, der hoffentlich Schnupfen hat, die Seuche in der Dose nicht vermutet. Denn zumindest einen Menschen mit meinem Gift um die Ecke zu bringen, das bedeutet für mich, ein Exempel statuiert zu haben. Denn die Gattung Mensch- sie muß sich vorwerfen lassen, mit ihrer bloßen Existenz die geoökologische Umwelt fast flächendeckend aus dem Gleichgewicht gebracht zu haben.
So scheitern schätzungsweise Billiarden von Bakterien mit jeder Sekunde am menschlichen Immunsystem und gehen jämmerlich zugrunde. Welch tyrannisierendes Wesen erfüllet diese erbärmliche Art, dass sie denkt, dass alles Leben auf der Welt Objekt ihres Urteils und ihrer Willkür ist? Pah, daß ich nicht lache! Diese Art von Organismen ist nicht mal Herr über sich selbst, geschweigedenn über andere, wenn sie sich außerhalb der Balzzeit innerartlich bekriegen. Sie bezeichnen sich als übermächtig, gehen aber zu häufig nur ganz armselig zugrunde. Was ist das bitte für ein Sieg, wenn man die entscheidende Schlacht verliert? Und unsereins darf dann wieder die Drecksarbeit machen und den ganzen organischen Misthaufen, in dem einst „Vernunft“ waltete, beseitigen. Also sind nur wir, die Bakterien, die einzigen Weltherrscher! Und wie ich mich freue, nun zu höheren Sphären aufstreben zu dürfen. Der Container war gestern. Morgen schon gehört mir die ganze Welt und ich werde mich in der Unendlichkeit des Seins selbst durchdringen- ein Wohlgefühl für meine deprimierte Seele. Und so glaube ich mich auch in ungeteilter Begeisterung, strebe eifrig dem Deckel entgegen. Und da! Ein winziger Lichstrahl dringt ein in die kleine Clostridiumwelt, begleitet von einem erquicklichen Rattern des Dosenöffners. Der Moment der Erlösung ist gekommen.— Meine sterbliche Membranhülle implodiert im Gefühlsschwall.
Ich vergaß wohl zu diesem Zeitpunkt, dass ich ein Anaerobier war. Nicht anders erging es meinen Artgenossen. Nur der Parasexwütige überlebte, da er durch die ganzen Konjugationen, die er einging, mutierte und nunmehr seinen Stoffwechsel seiner aeroben Umgebung anpassen konnte. Sogleich ließ er seinen Blick zu seinem Erretter mit Menschenblut schweifen. Jener aber war in Begleitung, sah selbst aber schwerlich wie ein Erlöser aus. Er war so unkoordiniert in seinen Bewegungen. Augenscheinlich ganz aufgelöst vertraute er sich seiner Freundin an. So wie unser Clostridiumfreund das mitbekommen hat, unterhielten sich beide über die Grundrechte eines jeden Individuums. Er heißt Jörg und sie Stefanie. Und während die beiden verschnupften Menschenseelen derweil einen vermutlich wohlschmeckenden Gemüsesalat für Christian und die übrigen zehn Bewohner im deutschen Big-Brother- Container bei Köln zubereiteten, folgte das geile Clostridiumbakterium noch ein wenig ihrer Diskussion und konnte nur frenetisch sich ins Fäustchen lachen, als es seine Konserve schließlich zurückließ und sich in die neue Freiheit stürzte.

Volker Schloßhauer