NPD-Aufmarsch in Greifswald
 

„Deutschland den Deutschen“Dumpf klingt das schwere Geräusch ihrer auf den Asphalt knallenden Springerstiefel, ihre Bomberjacken lassen sie viel stärker, mächtiger erscheinen, ihren Weg kann man an den weggeworfenen Bierdosen erkennen. „Freiheit ist die Freiheit der Andersdenkenden“! Etwas schockiert blicke ich drein, als ich dieses Zitat auf einem Banner las. Nicht des Zitates wegen, ich hege große Sympathie für die Autorin dieser Worte, die am 14.01.1919 ermordet wurde. Genau 82 Jahre später misbrauchen Rechtsradikale aus Anlass einer NPD (Nationale Partei Deutschlands)-Demonstration die Worte der Kommunistin Rosa Luxemburg. Ca. 350 rechtsgesinnte Leute demonstrierten am 14.01.2001 in Greifswald für ihre Freiheit, „anders“ zu denken. Mit Parolen wie „Wollt ihr etwa ewig büßen?“ oder „Wir wollen kein zweites Kreuzberg“ drücken sie aus, was bei vielen Menschen innerhalb und außerhalb Deutschlands Scham und Traurigkeit erzeugt: Die Aufforderung, an die Ideologie Hitlers anzuknüpfen, Auschwitz als Lüge abzutun, alles „nichtarische“ des Landes zu verweisen. Sie marschierten durch Schönwalde, an ihrer Spitze Herr Spiegelmacher, seines Zeichens Greifswalder. Auf ihrer Kundgebung gab es keine großen Lautsprecher, sondern Flüstertüten, der Klang erinnerte eher an eine Wochenschau von 1943. Sie sind klüger geworden. Denn statt grober rassistischer Parolen brüllten sie nun: Wir wollen keinen Faschismus und keinen Kapitalismus! Was sollte die Antifa bitte darauf sagen? Natürlich blieb so ein Auftritt der NPD nicht unbeantwortet. Schon Monate vorher mobilisierte man die Gegner der Demo. Das Bündnis gegen Rechts rief mit zahlreichen Unterstützern zur Gegendemonstration auf, man müsse zeigen, daß man nicht schweigend zuguckt, sondern für Menschenrechte, Toleranz und Demokratie auf die Straße geht. Promt erschienen großzügigen Schätzungen zufolge 7.000 Menschen, die vom alten Markplatz ebenfalls nach Schönwalde marschierten, sozusagen fast parallel zum Demonstrationszug der NPD. Spannend wurde es dann tatsächlich, als die vielen Leute an der Humboldt-schule angekommen waren. Reden gab es viele, unter anderem von von der Wense, von Peter Deutschland (DGB-Nord) und von der Inhaberin des Ausländerreferats des ASTA. Doch das Interesse galt etwas anderem. Obwohl verhindert werden sollte, daß die beiden Demonstrationszüge irgendwie kollidieren konnten, geschah es doch, daß der NPD-Zug nunmehr nur ca. 10 Meter an der Gegendemonstration vorbeischritt. Getrennt waren sie durch ein paar dürftig aufgestellte Barrikaden und gut bepackten Polizisten, die beängstigend aussahen und zudem zum Teil vermummt waren. Aufgrund der eher lahmen Demonstranten der Gegendemo und der Vorsicht, sich nichts zuschulden kommen zu lassen, der NPD-Beführworter kam es zu keinen Problemen an dieser Stelle, obwohl bezweifelt werden kann, daß die Situation glimpflich ausgegangen wäre, hätte es von einer Seite Angriffe gegeben. Probleme gab es an anderer Stelle. Vor dem Jahn-Gymnasium setzten sich einige der Gegendemonstranten auf die Straße, um eine Sitzblockade zu veranstalten. Trotz der Vorschrift, man habe die Demonstranten dreimal aufzu-fordern, sich zu erheben, ging die Polizei ungeheuer brutal vor. Sie warnte nicht dreimal, sondern nur einmal, und prügelte zum Teil mit Schlagstöcken, um die Blockade aufzulösen. Das passierte dreimal, dann wurden die Aufsässigen in Polizeiwagen in eine naheliegende Turnhalle gebracht, um dort verhört zu werden. Es wurde ihnen weder gestattet, zu telefonieren (ob-wohl laut Gesetz 2 Telefonate zu gewähren sind), noch wurden die Verletzten ärztlich behandelt. Ein Verhalten, was später äußerst kritisch bewertet und zusammen mit Polizei und Betroffenen ausgewertet wurde. Rechtsextremismus ist keine Ausnahme in diesem Land, die Zahlen der Sympathisanten sind erschreckend hoch. Wovor ich mehr Angst habe, ob vor den Schlägern, die aus Frust und Dummheit prügeln, und die dies wahrscheinlich genauso für die andere Seite tun würden, wenn sie denn nur draufhauen dürfen, oder vor den Köpfen der Organisationen, den lieben Familienvätern, oft sehr intelligenten und organisierten Lenkern jener Vereinigungen, die Terror und Panik verbreiten, weiß ich nicht. Der Wille, etwas gegen diese schwachsinnigen, menschenrechtsverletzenden Inhalte zu tun, ist da, so lange es auch gedauert haben mag. Jetzt sind alle gefragt, die Regierungen, die Pädagogen, Verbände und soziale Ein-richtungen, massiv Aufklärung zu leisten, Beratungsangebote zu machen, Auseinander-setzungen mit der eigenen Geschichte zu fördern und Bedingungen zu schaffen, daß die Menschen unseres Landes begreifen, daß Demokratie unser höchstes Gut ist, welches ohne die Mithilfe eines jeden von uns hoffnungslos verloren geht. 

Kathrin Hünemörder