Interview mit den Ärzten
am 27. Juni 2001 in der Alsterdorfer Sporthalle, Hamburg
"...Sie würden uns einen ziemlichen Gefallen tun, wenn sie uns jetzt indizieren würden..."
Was machen die Ärzte, wenn sie nicht die Ärzte sind?
Bela: Wir sind immer Die Ärzte, 24 Stunden, wir trinken, essen und scheißen Die Ärzte.
Farin: Besser hätt’ ich’s nicht sagen können.
Bela: Wir sind inzwischen an einem Punkt, wo wir einfach Die Ärzte sind. Wenn ich morgens zum Bäcker gehe, dann erstarren selbst die älteren Verkäuferinnen.
Farin: Nach Die Ärzte ist vor Die Ärzte.
Wie hoch schätzt ihr heutzutage die politische und soziale Verantwortung von Musikstars ein?
Farin: Das hängt vom Star ab. Es gibt manche, die schreien förmlich nach Verant-wortung. Zum Beispiel der da drüben im Stadtpark (gemeint ist „Sting“: Anmerkung der Redaktion), der sagt: Ich will die Welt retten, genauso wie Bono. Dann gibt’s so was wie die „No Angels“, wo ich glaube, die kümmern sich einen Scheiß darum, die haben ihre Verträge und müssen sich zur Supermarkteröffnung hinstellen. Selbst wenn sie private Meinungen haben, wir die kaum jemanden interessieren. Wir sind irgendwo in der Mitte.
Bela: Uns traf die Verantwortung, als wir uns 1993 zurückgemeldet haben. Zu diesem Zeitpunkt gab es das erste extreme Hoch von Neo-Rechtsradikalismus, wo sie anfingen, deutlich härter vorzugehen.
Wir dachten, wir müssen uns da abgrenzen. In der Punk-Szene aus der wir kamen, da waren uns früher die wenigen auftauchenden versprengelten Rechtsradikalen egal. Die sind auch auf unseren und anderen Konzerten aufgetaucht – das war egal. Das waren ein paar nicht ernst zu nehmende Spinner. Doch als wir das neue im Fernsehen sahen, dachten wir, wir müssen uns definitiv davon abgrenzen. Eine deutsche Band, die aus der Szene kommt, deren Texte vordergründig nur partykompatibel sind, muss sich da abgrenzen. Es ist ganz klar: die Toten Hosen, die Ärzte, die Böhse Onkelz werden auf’m Dorf auch von Rechtsradikalen gehört, weil wir eine Deutsche Band mit deutschen Texten sind. Also haben wir mit „Schrei nach Liebe“ unser Statement dazu abgegeben und uns abgegrenzt. Anfangs haben dass gar nicht so viele kapiert, wie wir an be-stimmter Post merkten.
(Er lacht).
Farin(lacht auch): Ja, wir bekamen mal einen Brief von einem Nazi: Da tanz ich da und dann denke ich Moment mal, ihr singt ja über mich. Geil, ein super Brief.
Farin: Ansonsten als kleinen Hinweis: Auf vielen Konzerten haben wir Stände von Amnesty International dabei. Das sind Jugendgruppen, die hoffen Gleichaltrige für ihre Arbeit zu interessieren. Aber wir würden nicht soweit gehen, eine zehnminütige Diskussion beim Auftritt zu machen, wo wir euch erklären, wie die Welt zu laufen hat. Das ist nicht unser Job. Denkanstöße geben ist cool. Aber fertige Weltbilder servieren. Was gut und schlecht ist – nee.
Bela: Das Missionieren haben schon viele Musiker versucht. Oftmals ist es auch Selbstdarstellung, die ihnen selber nutzt. Deshalb haben wir uns auch bei dieser Lindenberg-Tour geweigert, weil wir uns nicht mit Leuten auf eine Bühne stellen wollten, bei denen die Promotionszwecke überwiegen. Damit ist nicht Lindenberg gemeint, sondern gewisse Leute die da mit machten. Wobei ich die Aktion an sich ganz positiv bewerte.
Du hast eure Film-projekte angesproc-hen. Plant ihr in der Richtung was?
Bela: Nicht als Band.
Farin(zeigt auf Bela): Er ist Schausspieler.
Bela: Ich spiele Ende des Jahres meine erste Hauptrolle. Bei einem Regisseur, der die Ärzte nicht kannte. Er hat mich gecastet wie Hundert andere und mich genommen. Der Film wird ab Oktober bis Weihnachten in Island gedreht und heißt „Edelweiß-Piraten“. Meine Rolle heißt Hans. Es dreht sich im den Widerstand im Dritten Reich von Jugendlichen. Könnt ihr alles nachlesen unter www.edelweisspiraten.de .
Stichwort Internet: Ihr habt ja eure Homepage unter www.bademeister.com. Haben euch irgendwelche Domaingrabber aerzte.de weggenommen, oder war das bewusst gewählt?
Farin: Zuerst war es ein Umlautproblem.
Rod: Die Hauptgeschichte war, dass wir ewig gebraucht haben, um uns im Internet zu präsentieren. Vor uns sind etliche Fan-Pages online gegangen, wo wir auch keinen Bock hatten, Abmahnungen zu schicken. Das fanden wir unsympathisch und uncool.
Was ist Dein Lieblingssong, Rod?
Rod: Ich hab keinen.
Bela: Musik findet er schlimm.
Wie schreibt ihr eure Lieder? In der Badewanne?
Bela: Dass hören wir sehr oft. Aber in der Wanne ist es tatsächlich nicht so einfach Lieder zu schreiben. Das Papier wird nass.
Farin: Ich schreib mindestens die Hälfte meiner Stücke beim Motorradfahren. Ich singe ins Diktiergerät.
Es gibt aber keine Beschäftigung, außer baden, wo mir nicht schon irgendein Lied eingefallen ist (grinst), zu größten Leidwesen beteiligter Personen, ohne jetzt ins Detail gehen zu wollen.
Bela: Mir fällt was ein und ich hoffe, es lange genug im Kopf zu behal-ten bis ich es aufschreiben kann.
Farin: Rod holt sich alles aus dem Internet. Musik, Texte einfach alles.
Es ist schon länger her, dass ein Album von euch indiziert wurde?
Bela: Es ist schon sehr lange her und es wird wahrscheinlich auch nicht mehr dazu kommen. Aus zwei Gründen: Zum einen haben die Songs, die damals indiziert worden sind, Straftatbestände erfüllt. Wir provozieren immer noch in Songs, nach wie vor. „Manchmal haben Frauen“ hat Radio Hamburg zu Hörerumfragen gebracht. Aber er erfüllt keinen Straftatbestand. Abgesehen davon haben die Indizierungen uns ziemlich genutzt, haben uns zu Helden werden lassen. Im nachhinein, eine Band, an der die Obrigkeit sich gerieben hat.
Rod: Eine Band,
die reibt!
Bela: So etwas anstößiges ist halt das Image der Band.
Farin: Mit anderen Worten: Sie würden uns einen ziemlichen Gefal-len tun, wenn sie uns jetzt indi-zieren würden. Und außerdem sind wir jetzt einfach zu groß.
Wenn ihr Lieder schreibt, die sich mit Teenager-Thematiken auseinandersetzen, wie bringt ihr das rüber, ihr seid aus der Altersgruppe ja schon etwas raus.
Bela: Gegenfrage: Wie alt ist die Autorin
von Harry Potter?
Farin: Da ist keine Absicht dahinter. Ich schreibe, was mir einfällt, ob dass jetzt Lieder sind über alte Männer oder ungeborene Kinder ist sekundär.
Irgendwie hatten wir euch spaßiger und weniger ernsthaft erwartet.
Farin: Wir haben manchmal Interviews, die total aus dem Ruder laufen. Da hat niemand was von. Das ist beim Geben vielleicht lustig, aber wenn nicht, wenn du es nachher liest. Deswegen haben wir uns mit Mühe und Not gerade zusam-mengerissen. Außerdem sind wir müde, was euer Vorteil ist.
Bela: Ich denke auch, ihr profitiert davon, dass wir ziemlich müde sind, weil die Tour schon eine Weile geht und sehr anstrengend war.
Wenn ihr jungen Fans einen Ratschlag geben müsstet?
Farin: Denken sollen sie.
Rod: Aber nicht zu viel.
Farin: Ne, nicht zu viel denken, nicht alles zerdenken, aber trotzdem reflektieren!
Bela: Sich keine Grenzen setzen. Was man wünscht und hofft nicht von vorneherein limitieren. Dann hätte es uns niemals gegeben, wenn wir nicht damals an der Bushaltestelle vom Rathaus Spandau gestanden und gedacht hätten: Ja, wir werden’s allen zeigen.
Farin: Man muss an sich selber glauben, auch wenn dass super platt ist und in allen Lebenshilfe Ratgebern steht. Wenn man selber davon überzeugt ist, dass man eigentlich eine totale Niete ist, dann haut dass nicht hin. Wenn man aber sagt, Hey, ich bin eine totale Niete, aber irgendwo auch wieder ziemlich cool...
Bela: Zur Not, wenn man so ein häss-licher, alter Sack ist, wie Moosham-mer, wird man trotzdem be-rühmt, mit seinem klei-nen schwulen Hündchen.
Eine Geschichte: Wenn wir in Berlin vor 18000 Menschen „Lustiger Astronaut“ spielen. Und den Song haben Farin und ich als wir 16 und 17 waren mit Hilfe zweier Kassettenrekorder geremixed im Kinderzimmer bei meinen Eltern.
Farin: Und dass ist ein cooles Gefühl.
Bela: 20 Jahre spõter aufgeführt vor 18000 Menschen, dass hõtte ich nicht für möglich gehalten.
Farin: Auf die Gefahr, dass ich den Schlaumeier raushängen lasse: Ich finde den kategorischen Imperativ einen sehr interessanten Denkanstoss, sowohl für die ganzen jungen Rechten als auch die Linken.
Wenn ihr in Liedern aktuelle Sachen einbaut, ist das Huldigung oder Verarschung?
Farin: Hängt vom Titel ab. Manchmal purer Respekt. Manchmal nerven Lieder einen so sehr.
„Frozen“?
Farin: Ja, Madonna ist groß
„Teenage Dirtbag“?
Bela: Das haben wir einmal gemacht. Ich finde den Text sehr geil, vor allem die Bezugnahme auf Iron Maiden. Obwohl sie mit dieser Single weltweit mehr verkauft haben, als Iron Maiden zusammen, da bin ich mir ganz sicher.
Noch eine Frage zu der Groupie-Thematik? Sind eure Groupies mit euch älter geworden?
Bela: Eine seltsame Frage.
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