Björn lag einfach nur so da auf dem roten Asphaltteppich. Diffuse Sonnenstrahlen glänzten durch das Blätterdickicht entwurzelter Bäume und reflektierten auf den Wasserfontänen eines neben-stehenden Springbrunnens und auf den Schweißperlen an Björns klebrigen, kalten Händen. Es schien fast, als wenn er schlafen würde und träumen- vielleicht von dem Ozean und seinen un-endlichen Tiefen und Wogen? - Der Meerwas-sertraum war ein Traum, wie Björn ihn schon in Hunderten von Näch-ten gehabt hatte. Schein-bar mußte er wohl seine tiefsten Sehnsüchte und Ängste widerspiegeln.- Björn liebte den Ozean und seine Ufer, seine Strände. Er liebte die Welle und die Brandung, so wie sie für ihn Inbegriff der Schöpfung waren. Sie gestalteten nicht nur den Rhythmus der Gezeiten, sondern waren auch im Rhythmus der Zeit selbst zu finden. Tobende auftreibende Welle begräbt sich in aggressiver Gischt. Es ist ein ewiges hin und her, ewiges Werden und Vergehen im hier und jetzt. Ja, Björn schwärmte für das Wasser und dessen Auftrieb, der ihn schnurstracks in die Schwerelosigkeit beförderte, er wollte Teil von der Strömung werden, vom gleichzeitigen Gedeihen und Sterben. Doch die Kälte und Gefühlslosigkeit des blauen Wassers schreckte ihn ab. Er liebte das Wasser, doch er haßte dessen Kälte, dessen blaue Farbe. Er haßte es jedes Mal aufs Neue, wenn er wie ein Spastiker mit Muskeln voller Krämpfe geschüttelt aus der Duschkabine mit dem blauen Wesen behaftet in die ungepufferte Realität tolperte. Björn fühlte sich nur an den heißen Plätzen der Natur wohl. Und dazu zählte nicht das blaue Meer. Er verehrte es nur.
An seine transz-endentalen Traumer-lebnisse vom Wasser hatte sich Björn nie an den lauen Morgen darauf erinnern können, ein Jammer. Dennoch benetzen sie unterbewußt seine Seele mit loslösender Feuchte und befreiten ihn von der Vergangenheit... In seine Bettwäsche eingelullt hatte er sich nach seinem Nachttischbildchen gereckt. Als er das Fototo von Claudia in seinen Händen gehalten hatte, hatte er neuen Wagemut in seine Wangenäderchen aufsprießen gefühlt. In den Tiefen seiner Brust hatte nicht Illusion gelauert; es würde eines Tages Wirklichkeit geworden sein, wenn sich Bodo nicht einen üblen Schnitzer erlaubt hätte ...
Wir erinnern uns: In der letzten Folge von Bodos Welt wurde Björn an einem Spätherbstmorgen auf der Pappelallee zu Boden geworfen, während ein Erdbeben unter seinen Füßen brodelte. Es schien als setzte ihm das Schicksal übel bei. Er konnte sich nicht bewegen, noch helfen lassen. Seine Freunde liefen entlang sich entwurzelnder Bäume Richtung Morgen-nebel ängstlich davon... Björns Gliedmaßen hingegen waren ganz gelähmt, unkontrollierbar. - Jetzt schleifen sie schlaff auf trockenem Blut. Björn ist ausgelaugt. An seinen Handgelenken spielt sich plötzliches Treiben ab. Quickfidele Ameisenstämme schnüren mit schwefeliger Säure Hände und Schienbeine von Björns Körper ab, leisten Vorarbeit für die Mineralisierung dieser modrig stinkenden organischen Masse. Seine Hand, die sich zuvor noch schlapp zu den warmen, lichtspendenden Sternen am spröde glänzenden Morgen-himmel hinauf-reckte, löst sich just vom Gelenk und klatscht mit dumpf-em Ton auf den Linoleumboden der Bühne auf. Lauer Ekel liegt ihn in der Luft. Indes weitet sich der Sichtwinkel: Björn befindet sich in erhobener Position auf einem Bretterhaus. Zur linken und rechten Seite wird die Pappelszenerie von samtigen roten Vorhängen umsäumt. Der Asphaltboden wurde als Teppich über dem Linoleum ausgeworfen, die Bäume neben und der Morgenhimmel über Björn sind aus Pappe gefertigte Requisite. Du schaust dich um, bemerkst zum ersten Mal, daß du als Zuschauer in einem Theater Platz gefunden hast. Hinter den Vorhängen hörst du geradlinige Schritte ...
Regisseur (betritt mit einem Buch in der Hand die Bühne): Es tut mir leid. Ich muß mich entschuldigen. Bodos Welt muß heute leider ausfallen (verrückt) Der Drehbuchschreiber ist ein schlampiger Narr ohne wirklichen Realitätsbezug. Vielleicht hat er zuviel ferngesehen. - Er lacht wie besessen. In den Zuschauerrängen hebt sich indes Tumult und mißmutiges Untergrundgemurmel. Du pöbelst mit, weil alle anderen es tun.
Du (zu deinem Nachbar): ... Was ist passiert?...
Anton: Björn sieht nicht gesund aus, es scheint als wäre ihm irgend etwas zugestoßen. Sieh!
Sein Körper ist ja ganz lila...
Du: Ist er tot?- Und wo kommen die Ameisen her?
Anton: Weißt du nicht, daß wir hier nur auf dem Sprung sind? Immer wieder erhaschen wir kleine Einblicke in Björns und Bodos Leben und tun so, als würden wir uns an einer Seifenoper aufgeilen. Nur ist ‚Bodos Welt‘ kein schlechtes Fernsehen, das aufhört, wenn wir die Röhre ausschalten. Es ist die Realität, vermutlich die von einer dritten Person- eine Realität also, die sich auch dann fortsetzt, wenn wir gerade keinen lesbaren Einblick erhalten...
Du: Welche dritte Person denn?
Regisseur (wieder streng): Meine Herrschaften!- Darf ich bitten?- Pause. Die Unruhe im Saal legt sich.
Anton (flüstert von dir abgekehrt etwas unverständliches Zeugs): Tz st nch eine vrte Person im Spielz, fiel ist klar. Nürgend faß ist schiefgelaufen.
Von seinen Äußerungen und der Abwendung deines Nachbarn frustriert entschließt du dich für den Rest des Abends im Antlitz des Morgengrauens keine weiteren Fragen mehr zu stellen.
Regisseur (tritt eloquent auf und schüttelt den Kopf): Was hat er sich nur dabei gedacht? Pause. ... als er Björn im Querschnitt lähmte? (er japst nach Luft) Die letzten drei Monate waren eine Zumutung für die Dramatis Personae. Insbesondere für den Darsteller, der Björns Rolle mimte. In dieser Pose weilte er die letzten Monate in der Handlungspause, unfähig sich zu bewegen. Er verdorrte elends, während nebenan die süß liebliche Fontäne plätscherte. (wird hysterisch, fällt auf die Knie und kraucht ziellos auf der Bühne herum) Welch Tantalidenqual ist dieser Rolle nur beschert? - Dieses Libretto ist Teufelswerk und soll in wäßriger Lösung zergehen!...
Der Regisseur zerreißt das Drehbuch in seinen Händen und wirft es mit einem Ruck neben Björns Leiche zu Boden. Dort bricht er auch zusammen. Die konzentrierte Ameisensäure zerfrißt derweil brütend schäbiges Holzblech. Ein Donnern am Horizont erhallt, um sofort wieder zu vergehen. Die Ankündigung von Unheil füllt den Raum mit einer drohend düsteren Luft und mystischen Atmosphäre, die das Licht erstickt. Scheinwerfer fallen nacheinander aus.
Derweil dringt unruhiges Getuschel hinter den linken Bühnenvorhängen zum Publikum hervor, als träfe man Planungen für eine schnelle Improvisation, einen würdevollen Abgang eines zeitlosen Stückes, für das die Leute in den Örtlichkeiten schließlich Zeit und Geld opferten. Leichte Irritationen brechen in den Reihen der Zuschauer aus. - Eine Reihe vor dir ertränkt sich ein jüngerer Zuschauer, der sich seiner selbst bewußt wurde, vor Angst in seinem Aperitifglas und sorgt für überschwappende Panik in den Reihen. Leute strömen aus dem Schauspielhaus. Du bleibst mit Anton, deinem Nachbar, müde sitzen und lauscht einer Debatte, die aus dem linken Flügel an dein Ohr dringt. Es scheint, als würden sich wenige ältere Menschen mit Alterssichtigkeit lauthals über die schlechten Beleuchtungs-verhältnisse beschweren, wo die Scheinwerfer ausgefallen sind.
Als das Gemurmel hinter der Bühne schließlich verstummt, wird Angelique auf die Bühne gestoßen. Die neuinstallierten schäbigen Hundert-Watt-Scheinwerfer werden flugs auf ihre Gestalt gerichtet und erleuchten nunmehr ihr fleischiges Gesicht, das von einer Krone aus blauen Dornen geschmückt wird. Sie guckt irritiert in die sich nach wie vor leerenden Zuschauer-ränge und faßt sich in einer Übersprungs-handlung an ihre enge Taille, die von einem dünnmaschigen blauen Abendkleid aus Satin (darunter erkennt man ihre Strapse und schwarze Lederunterwäsche) mit weitem Ausschnitt im Decollette umwickelt ist. Es verläuft sich auf dem Boden zu einem weitläufigen Ozean mit starkem Wellen-gang, der die Ameisen ertränkt. Im Anblick des Kleides fühlst du dich erregt und an das Meer erinnert. Eine Synapse bildet sich in deinem Hirn. Ertrankst du nicht auch einst im Meer wie die Ameisen? Nein, kann nicht sein, dann säßest du nicht hier. Das mußt du geträumt haben.
Angelique ist unruhig. In starr aufrechter Haltung würgt sie sich ein ver-schmilztes Lächeln zum Publikum ab, hebt dann zu einem letzten donnernden Requiem für eine Solo-stimme an.
Angelique (in Anlehnung an eine Szene aus Pucchines „Madama Butterfly“): Con onor muore chi non puo serbar vita con onore. (Pause. Angelique greift sich an ihre Dornenkrone und blickt zu Björn herab.) Tu, tu? Piccolo iddio! Amore, amore mio, fior di giglio e di rosa e di Orchidia. Non saperlo mai: per te, per tuoi puri mani, muor Angeliqua! Perché tu possa andar di là dal MARE (Donner) senza che ti rimorda ai di muorti, il Angeliqua abbandono. O a me, scesco dal trono dell‘alto paradiso, guarda ben fiso! (wehleidig) Addio, piccolo amor!
Nachdem sie ihren Vortrag beendet hat, verläßt sie fluchtartig zu ihrer Linken die Bühne.