Endlich 18
Diese grenzenlose Euphorie, die man erfährt, wenn man kurz davor ist, achtzehn zu werden.
Schließlich soll das ja was außergewöhnliches und besonderes sein. Schließlich wird man ja nur einmal achtzehn. Aber, wird man nicht auch nur einmal 9? Oder 34? Ist es nicht so, das man jeden Tag nur einmal erlebt?
Ich darf mich nun des Privileges erfreuen, achtzehn geworden zu sein. Und Mensch, es hat sich sooo viel verändert! Genauer gesagt nichts.
Ich gehe immer noch genauso aufrecht und mit denselben Sinnen und Gedanken durchs Leben. Ich bin nun auch nicht in der Lage unvorstellbare Dinge zu Vollbringen, deren Gelingen vor meinem letzten Geburtstag unmöglich war.
Nun kann man natürlich das scheinbar wichtigste Argument für die Besonderheit des achtzehnten gegen mich anführen: die neu gewonnen Privilegien.
Endlich selbst unterschreiben, Autonomie von den Eltern, endlich Autofahren, endlich hochprozentige Flüssigkeiten kaufen können, endlich selbst auf Bundesebene wählen können ( ist ja in Kommunen schon ab 16 möglich ) und endlich ist es möglich, „Veranstaltungen“ und „Räumlichkeiten“ zu besuchen, von denen man vorher immer nur Erzählungen hören konnte.
Man muss zugeben, dass der Reiz an solchen Orten immer nur aus dem Verbotenen bestand. Das machte sie ungewöhnlich, aufregend, interessant. Jetzt kann man da problemlos rein marschieren und läßt es genau deswegen bleiben.
Wahl? Auch mit achtzehn sind sich die meisten Leute nicht sicher, ob und was sie überhaupt wählen wollen. Damit bleibt diese Sache zwar bedeutsam, wird aber eher unangenehm. Schlechtes Gewissen, weil man nicht oder das Falsche gewählt hat?
Ja! Endlich endlos Alkohol! Endlich die ohnehin von vorherigen Saufgelagen ( man denke hier nur an Geburtstagsfeiern ) aufgeweichte Birne zu Grunde saufen.
Zum Autofahren kann ich nur eines sagen: Grüßt den nächsten Baum, die nächste Leitplanke oder die Motorhauben der anderen Fahranfänger von mir, wenn ihr sie trefft (siehe Alkohol).
Als ob es so wäre, dass einen die Eltern nach dem achtzehnten Geburtstag in ruhe lassen würden. Wenn man nicht zu dem elitären Kreis gehört, der sein Domizil schon sein Eigen nennen kann, wird man immer noch von den Erzeugern beobachtet, kontrolliert und kommentiert. „Solange du deine Beine unter meinen Tisch...“ und so weiter.
Aber da bleibt einem ja noch das beste: man muss für nichts mehr sie elterliche Signatur einholen und kann überall selbst sein Kreuzchen machen. Man kann selbst Verträge abschließen, richtig große Sachen kaufen ( die erste eigene Yacht? ) und auch sonst völlig eigenständig handeln. Man darf im Prinzip nun jeden erdenklichen Quatsch alleine machen. Wenn, ja, wenn da nicht die Sache mit der Eigenverantwortlichkeit wäre.
Und bevor man jetzt die Yacht abbezahlen kann, muss man sich fragen, wie man aus diesem verflixten Kreditvertrag wieder herauskommt und eh man sich versieht, ist die Dame am Bankschalter plötzlich sehr freundlich zu der Knarre in der eigenen Hand und die Polizei so interessiert an der eigenen Person, das man bei der Verfolgung glatt die Radarkontrolle übersieht und man während dem verzweifelten Versuch, die linke Fahrspur wieder zu verlassen ins Schleudern kommt , was den hupenden Laster, der einem da entgegen rast nicht weiter stört, zumindest bis er einen unter sich begräbt. Bleibt nur noch die Frage, ob die frische Teilkasko- Versicherung auch den Grabstein bezahlt.
Bei solchen Aussichten bleibt doch der Gedanke, einfach man selbst zu bleiben und auf all diese „Privilegien“(zumindest vorerst) zu verzichten noch am beruhigensten.
Letztendlich wird man an seinem achtzehnten Geburtstag auch nur einen Tag älter. So wie jeden Tag.
(b-mi)
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