| Lan Böhn, Jana Möller
Für Ruth
23. 5. 97/ 22. 30 Uhr
Ruth...
ich stehe davor, einen großen Schritt zu tun. Einen Schritt in eine andere Welt, von der ich nicht weiß, wie sie sein wird.
Ich hoffe, daß ich in dem Moment, in dem du diese Zeilen liest, an einem Ort sein werde, an dem es keine Probleme, Sorgen, Leid und Ängste gibt.
Ich schreibe dir, weil du der einzige Mensch bist, der mir je etwas bedeutet hat, weder meiner Mutter und schon gar nicht meinen nicht vorhandenen Vater habe ich mich jemals so nah gefühlt. Erinnerst du dich an die gemütlichen Teenachmittage, bei denen wir gemütlich über Gott und Welt redeten? Das waren die glücklichen Momente in meinem Leben. Du bist die einzige, um die es mir leid tut, die einzige die ich vermissen werde, wo immer ich auch hinkomme. Ich schreibe dir diesen Brief, damit du verstehst, warum ich das tue, warum ich Selbstmord begehe.
Wußtest du, daß „Esra“ aus dem Hebräischen kommt und „die Unruhige“ heißt? Nomen est omen sag ich da nur. Es paßt wirklich wie die Faust aufs Auge oder Spucke auf die Türklinke.
Ja, unruhig war ich immer. Nicht äußerlich, sondern tief in mir. Ein Haufen Fragen schwirrte mir im Kopf herum und nahm mir fast den Platz zum atmen. „Warum?“, „Warum bin ich hier, was soll das alles?“, „Wo kommt die Erde her?“, „Warum gibt es Böses?“, „Gibt es einen Gott?“, „Warum hat mein Vater uns verlassen?“ ... und warum stelle ich mir alle diese Fragen? Sie machen mich kaputt, zerfressen meine Seele. Ich kann sie körperlich spüren, sie lasten wie ein Felsbrocken auf mir. Tja, jeder hat sein Päckchen zu tragen, aber warum habe ich nicht, die Kraft meines zu tragen, warum ist es so schwer? Diese zermürbende Ungewißheit ... oder diese zermürbende Gewißheit, nichts zu wissen, nenn es wie du willst!
All` diese Heinis in den Talkshows, was wissen die schon von Problemen? „Mein Busen ist zu klein!“ - daß ich nicht lache. Gibt es keine Talkshow zu dem Thema „Meine Seele ist zu klein“? Zu klein für diese Fragen.
Ich fühle mich so zerrissen. Das Leben ist eine einzige Qual. Wann war ich das letzte Mal glücklich und habe gelacht - weißt du es Ruth? Es ist schon so lange her, aber ich bin sicher, es war mit dir. Bei dir habe ich mich immer geborgen gefühlt, du warst so etwas wie eine Ersatzfamilie für mich. Aber es half mir auch nicht, mich ständig bei dir zu verkriechen. Habe ich dich oft genervt, weil ich wie eine Klette an dir hing? Bestimmt. Einerseits wollte ich dir von meine Problemen erzählen, andererseits dich auch nicht damit belasten. Du bist ein fröhlicher, optimistischer Mensch, ganz anders als ich. Ich habe mich oft gefragt, was du mit einer Trantüte wie mir überhaupt willst. Und doch warst du eine Freundin für mich wie keine andere. Du merktest, daß ich Probleme hatte, kanntest aber die Ursache dafür nicht. Du versuchtest mich mit Kino, Partys und Einkaufsbummeln aufzuheitern. Doch für diese allzu normalen menschlichen Späße war ich noch nie empfänglich. Ich ließ es über mich ergehen, aus Angst dich zu verlieren. Ich glaube das ist es, was ich mein ganzes Leben lang getan habe: Eine Rolle zu spielen, die meinem Wesen gar nicht entspricht, eine heile Welt vorzugaukeln, obwohl es in mir wie auf einem Schlachtfeld aussah. Ich paßte mich euch anderen an, um nicht ganz alleine dazustehen. Ging ins Kino, flirtete mit Jungen, stylte mich nach der neuesten Mode. Aber das war nicht ich, das war eine aufgesetzte Maske, verstehst du? Eine zeitlang ging das gut, vielleicht war mein wahres Ich dadurch total in Verdrängnis geraten. Doch du kannst dir selbst nicht entfliehen, genauso wenig, wie man seinem Schatten entfliehen kann. So brach also alles mit voller Kraft wieder hervor. Das war vor einem Dreivierteljahr. Eine tiefe Traurigkeit überkam mich, mein ganzes Leben erschien mir sinnlos und immer diese Frage: „Warum?“. Ich war ständig traurig, ohne ersichtlichen Grund. Ich heulte, wenn es regnete, ich heulte, wenn die Sonne schien. Meine Mutter zeigte mir einen Vogel. Ich kann nicht mehr! Alle wollen etwas von mir, was ich ihnen nicht geben kann, erwarten Dinge von mir, die ich nicht erfüllen kann. Manchmal will ich mir nur die Ohren zuhalten und laut NEIN brüllen. Oder mich in ein tiefes Erdloch einbuddeln. Die anderen haben die Veränderung gespürt und nannten mich spöttisch „Grüblerin“. Sie fragten, ob ich eine zweite Mutter Theresa werden wolle, ich mache mir so viele Gedanken über das Leid der Menschen. Es tat so weh, sie über mich grinsen zu sehen. Es ist wirklich schrecklich, anders zu sein, als die Anderen, das kannst du mir glauben! Erst habe ich mich für meine Gedanken geschämt, doch jetzt bin ich nur noch wütend. WÜTEND, weil alle so ignorant die Augen vor den Fragen des Lebens verschließen. „Was ist der Sinn unseres Lebens?“ - hast du dich das jemals gefragt Ruth (solltest du, es ist wirklich erhellend darüber nachzudenken, man findet bloß keine Antwort...!). Bin ich nur hier, weil ein Samenfädchen auf eine Eizelle traf, oder hat vielleicht ein Gott gewollt, daß ich die bin, die ich bin. Niemand weiß es, der Unterschied ist bloß, manche wollen es gar nicht wissen, andere suchen ihr Leben lang nach der Antwort.
Die Zeit vergeht, Tag für Tag, unaufhaltsam, immer weiter. Kennst du das Lied von den Toten Hosen, in dem sie singen: „Jeden Tag stirbt ein Teil von dir, jeden Tag schwindet deine Zeit, jeder Tag ein Tag, den du verlierst - Nichts bleibt für die Ewigkeit!“ Das ist genau das, was ich denke: Egal was du tust, irgendwann ist es sowieso vorbei. Es gab diesen Punkt in meinem Leben, an dem ich wußte, daß es so nicht weitergehen kann. Ich will weg hier, endlich Schluß mit der ganzen Maskerade. Da kam mir das erste Mal der Gedanke an den Tod. Ich habe keine Angst vor dem Tod, ich sage mir immer: Vor meiner Geburt war ich nicht da, nach meinem Tod bin ich wieder nicht da. Was ist daran schlimm? Ich hatte nur Angst vor den Schmerzen, deshalb werde ich Tabletten schlucken. Einfach einschlafen und langsam aus dem Leben wegdämmern. Eine schöne Vorstellung, oder? Besser, als irgendwo auf Asphalt zu klatschen jedenfalls. Aber ich will dich nicht mit meinen Selbstmord-Vorüberlegungen nerven! Es wird Zeit, daß ich zum Ende komme...
Ich war mein ganzes Leben lang auf der Suche, wonach wußte ich nicht. Doch jetzt habe ich endlich ein Ziel: Ich will an einen Ort kommen, an dem ich endlich Ruhe finde, und die Gewißheit, warum etwas so ist, wie es ist. Und da dieser Ort nicht auf der Erde ist, muß ich wohl woanders hingehen und ihn suchen. Seit ich weiß, was ich tun muß, hat mich eine tiefe Ruhe überkommen. So klar konnte ich schon lange nicht mehr denken. Ich glaube, Selbstmord ist der letzte Schritt im Leben, den man wissentlich tut. Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte tue ich, was ich will, entscheide mich ganz allein dafür! Nur, daß das mal klar ist. ich fühle mich so befreit!
Oh Ruth, ich hoffe und Bete, daß du mich verstehst. Sei wütend auf mich, meinetwegen hasse mich für das, was ich tun werde! Egal, Hauptsache, du empfindest irgendetwas. Hauptsache es ist dir nicht gleichgültig.
Morgen fährt mein Zug in eine andere Welt. Morgen werde ich eine Andere sein.
Dieser Brief hat so etwas Endgültiges. Ein Abgrund tut sich vor mir auf, ein Sog, der mich tief in die Dunkelheit zieht. Letzte Zweifel, ob das, was ich tun werde, richtig ist... Es ist! Es muß!
Morgen... morgen bin ich so frei wie ein Vogel oder dieser Schmetterling hier. Dann fliege ich, fliege soweit mich meine Schwingen tragen. Fort...
Leb’ wohl Ruth, meine beste und einzige Freundin.
Vielleicht denkst du ab und zu an mich.
Deine Esra, auf ewig.
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