Neulich im Latino-House...
...oder was Männer, Frauen und Fußball gemeinsam haben
 

Letztens habe ich mich mit einigen Freunden im Latino-House getroffen. Obwohl ich eigentich dem Alkohol nicht so zugeneigt bin, überredete man mich schnell zu einem Ist-doch-nur ein 0,3er-Bierchen. Letztendlich wurde daraus aber einer von diesen Na-eins-kannst-du-noch-Abenden, deren soziokulturelle Existenz-berechtigung sich nur vage definieren lässt. Die Bar war zugeraucht, der Lautstärke-pegel war hart an der Grenze und beim Klogang wurde demonstrativ auf das Händewaschen verzichtet. Dominierendes Thema war wie immer Fußball. Nichts machte diesen Abend zu etwas Spektakulären, bis ein hübsches Mädchen am Tresen auftauchte.
Die Bemerkungen ließen nicht lange auf sich warten, und jeder gab sein Ranking ab. Da das vorhergehende Thema noch zu sehr das Vokabular beherrschte, hieß es dann auch, dass die Frau optisch gesehen in der Bundesliga spiele. Ich musste erst einmal einen Schluck nehmen, um mir Zeit zum Grübeln zu sichern. Als der Zusammenhang dann endlich klar war, waren die anderen schon am Debattieren. Kontrovers wurde diskutiert, ob die Frau eher in der oberen oder unteren Tabellenhälfte angesiedelt sei. Manche waren der Meinung, dass ihr Alter sie definitiv zu einem Abstiegskandidaten deklassierte, derweil andere klare Chancen für die Champions-League sahen. Man spaltete sich in zwei Fraktionen. Während die einen sich um UEFA-Cup und Champions-League fetzten, tendierten die anderen mehr in Richtung zukünftiger Abstieg mit anschließender Entstehung eines soliden Zweitligaclubs. Einig war man sich nur in der Tatsache, dass die höchste Form die WM-Teilnahme wäre.

In meinem angetrunkenen Übermut rutschte mir die eher spaßig gemeinte Frage über die Lippen, wo wir den selber spielen würden. FEHLER! Die mich nun konfrontierenden Reaktionen kannte ich bis dahin nur von konsumgenervten Muttis, die einen mit furchigen Blicken zuflasterten, bloß weil man an der Kasse mal wieder verpeilt hat, das Nächster-Kunde-Trennklötzchen hinzulegen! Am Tisch griffen erst mal alle zu ihren Gläsern, während ich betreten am Bierdeckel puhlte. Um letzte Sympathien zu retten sagte ich: Wir sind halt altein-gesessene Bundes-ligisten. Dadurch kam allerdings auch keine Heiterkeit auf. Jeder musterte den anderen und gab sich innerlich selbstkritisch ein eigenes Ranking. War es jetzt besser erfolgreich in einer niedrigeren Klasse zu spielen, oder sollte man doch einen Abstiegskandidaten in einer höheren Klasse favorisieren? Ernüchterung hielt Einzug und man hatte die Tabellen der Regional-, Verbands- und Oberliegen deutlich vor Augen.
Fakt war: Hier saßen keine Weltmeister. Die Bundesliga ist eine Spielkasse zu hoch, die zweite Liga für einige zu hart und überhaupt, seit wann sprach man in der Kneipe unter Männern! - über sich selber und dazu noch über das eigene Aussehen? Ich machte einen flüchtigen Schwenk über die blassen, unrasierten Gesichter. Auf vielen hatte der letzte McD-Besuch die klassischen Kleiderhacken hinterlassen. Müde sahen sie aus und nun auch noch enttäuscht wegen des versauten Abends. Was hatte ich gemacht! Fakt war, hier saßen Optik-Fünfen und einige Dreien, wobei die meißten seit einiger Zeit gegen den Abstieg aus der Regionalliga spielten. Nichts konnte das beschönigen. Die ersten schauten auf die Uhr und kramten in ihren Taschen nach Geld. Durfte man diese depressiven männlichen Angelika Merkels zurück in den Schoß der Gesellschaft lassen?

Der Fußball, der uns in diese Scheiße ge-bracht hatte, musste uns hier wieder rausholen. Der Retter kam in Form des DFB. Er hatte an uns gedacht! Es gab ja noch den POKAL! Der Pokal mit seinen eigenen Gesetzen. Wo jede Scheißmannschaft locker einen Bundesligisten als Gegner bekommen kann. Na bitte. Wir waren wieder am Start. So wie Regionalligisten vom Pokalendspiel in Berlin träumen, so kamen auch die Bundseligafrauen wieder zurück in unsere Köpfe. Letztlich einigte man sich, dass hier doch relativ coole Typen am Tisch seien und man ja eigentlich ganz gut aussehe. Die nächsten Runden wurden bestellt, während sich das schöne Mädchen vor der Bar intensiv mit einem Sascha-Typen unterhielt. Aber was wussten die schon von Fußball! Wir haben wenigstens noch Träume! Wir fahren nach Berlin!

(R.A.T.)