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| "Wir sind die Brücke“- im Gespräch mit den Straßensozialarbeitern
Ecke Pestalozzistraße, gegenüber vom Schulhof der Krullschule. Nebenan thront modernisiert und kühn die vor kurzem neu errichtete Jugendherberge. Das Anwesen Nr. 11 hingegen sieht marode aus. Die Putzfassade, die mit ihrem stumpfen Farbton irgendwo zwischen grau und braun von längst ver-gangener sozialistischer Einheitsarchitektur zeugte, könnte einen neuen Anstrich gebrauchen. Die blauen Gardinen wirken verschroben. Hier arbeiten die Straßensozial-arbeiter (auch liebevoll “Strasos genannt”), denen Quer einen kleinen Besuch abstattete...
Hans Guderian nimmt einen tiefen Zug an seiner Zigarette und pustet den Rauch nach ausgiebiger Inhalation wieder bedächtig aus seinen Bronchien. Warum sich manche Jugendlichen immer wieder in Schwierigkeiten wiederfinden, fragten wir sein Team in brütender Runde vor blauen Gardinen. Jana Erdtling lockert das Gespräch etwas auf: „Ja, ich weiß, was Sie denken. Sie wollen bestimmt auf Drogen hinaus, oder? Nein, die Ursachen dafür liegen meist aber viel tiefer.“ Nachdenklich fährt sie fort: „Es ist die Orientierungslosigkeit der Jugendlichen - in dieser Gesellschaft.“ - „Manche Jugendliche“, hebt Guderian zur Erklärung an, „verweigern sich (da) völlig. Nur läßt sich mit dieser Verweigerungs-haltung später einmal keine Rente verdienen.“ Guderians und Frau Erdtlings Worte zeugen von Lebenserfahrung, klingen für den Durchschnittsjugendlichen hingegen kaum plausibel. Warum sich der Gesellschaft und ihren Zwängen unterwerfen? Warum sich Sorgen machen? Die Jugend ist doch noch vital und befindet sich mit ihrer körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit an der Spitze der Generationen. Und so genießt man halt seine Vitalität in der Gunst des Augenblicks. Ist das denn verwerflich? Wieder der Griff zur Zigarette. Direkt in der Ecke des Konferenzraumes des Strasohauses steht ein Aquarium. Kleine Zierkarpfen kleben mit ihren Nasen an der Innenseite der Frontscheibe . Wie ein Fisch hinterläßt auch Guderian den Eindruck, als könne ihn nichts so leicht aus der Ruhe bringen. Als Sozialpädagoge mit langjähriger Erfahrung in der Jugendarbeit gibt er sich souverän. Er fährt fort. Mit der Trebe hatte auch alles angefangen. Ehe sich die Einrichtung der Straßen-sozialarbeit nämlich überhaupt erst 1993 unter der Schirmherrschaft des Jugendamtes etablieren konnte, wagte man wenige Jahre nach der Wende alte heruntergekommene Häuser nach jugendlichen Trebegängern zu durchsuchen. Mit den wohnungslosen Jugendlichen zwischen 15 und 16 Jahren wurden, um ihnen eine existentielle Stütze zu bieten und Verantwortungsbewußtsein einzuimpfen, unter der Obhut der Strasos die betreuten Wohnformen als erste Maßnahme gegründet. Damit war der erste Schritt zur Kontaktaufnahme zu den Jugendlichen eingeleitet, aus der sich (in abgewandelter Form) die aufsuchende Jugendarbeit der Strasos noch ableiten sollte, die auch heute noch (als eine von vier Säulen) einen großen Umfang des Betätigungsfeldes für einen Straso darstellt: Im Rahmen der aufsuchenden Jugendarbeit macht sich der Straso nämlich noch immer als Ausgangspunkt für die Planung seiner weiteren Arbeit einen Überblick über die individuellen und derzeitigen Sorgen und Nöte der Jugendlichen. Hierfür begibt er sich (zumeist in den Abendstunden) eigens zu den eingefleischten und ausgemachten Treffpunkten von Jugendgruppen und steht dort den Jugendlichen als Ansprechpartner und Freund zur Seite. Guderians und das Engagement seiner Mitarbeiter machten bald die Runde unter den Jugendlichen. Sowieso: „Wenn man nicht den schlechtesten Ruf als Straso hat, spricht sich das rum“, so Guderian. Damit war die große Hürde der Annäherung zu den Jugendlichen also schon bald genommen, die Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit geschaffen. „Das allein ist schon ein großer Erfolg“
Von den zirka zwanzig bekannten, größeren Jugendgruppen in Greifswald (mit einer durchschnittlichen Gruppen-stärke von etwa zwanzig Jugendlichen) fanden die vier Strasos bisher zu vielleicht fünf oder sechs von ihnen einen guten und engen Zugang (bei einer Betreuung von vier bis sechs Einzelfällen), auf dem sich aufbauen läßt. Dies verdeutlicht aber genauso, dass in Greifswald noch gewisse Potentiale in der Jugendarbeit ungenutzt bleiben. Laut Raumplanung wären nach Guderian... „in Greifswald (mit seiner Bevölkerungsdichte) etwa neun bis zwölf Jugendarbeiter von nöten“. Ein weitreichendes Defizit, für das scheinbar aber leider das Geld fehlt... Dabei, mag man meinen, ist gerade die Jugendarbeit die plastische Chirurgie für die „Ausgeburten“ politischer Verdrossenheit. Massen-arbeitslosigkeit, Bevölkerungsschwund in MV sowie internationale Wirtschaftskrisen verunsichern: Die Menschen (und viele Jugendliche) suchen einen Sündenbock für ihre benachteiligte Stellung in der Gesellschaft. Für den Straso bedeutet dies nur, wachsende Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber ohne finanzielle Handhabe verpufft das Ideal zum Appell an Land und Stadt, nicht an den falschen Stellen zu sparen. Der nächste Kreuzzug schwebt schon wie ein Damoklesschwert über der Stadt. Stadt und Land gerne den Rotstift ansetzen, da wird die Straßensozialarbeit in Greifswald glücklicherweise noch durch die Fördergelder des AgAG unterstützt (Infos zu AgAG: siehe Kasten). Was die Strasos ohne die Unterstützung durch das AgAG wären? Wie die Zierkarpfen im Aquarium nur noch lautlos puffende Zierde eines Staates, der seiner Sozialkompetenz nicht mehr nachkkommt? Auf alle Fälle wären die Strasos ohne die Förderung nicht so erfolgreich bei der Umsetzung ihrer Gemeinwesenarbeit, die eine Verbesserung der Wohnsituation der Jugendlichen zum Ziel hat (Gründung von Jugendclubs, wie das C-94 in der Rigaer Str. etc.), und bei der Durchführung von freizeit-pädagogischen Maßnahmen, bei denen die Jugendgruppen aufeinandertreffen und unter-einander neue Kontakte knüpfen. Dies hat gewaltpräventiven Hintergrund. Denn wenn zwei Jugendliche sich bereits kennen... „dauert es in der Regel fünf Minuten länger, bis die Hemmschwelle durchbrochen ist“ und man sich eine auf’s Maul gibt (wenn man es denn darauf anlegt), meint Guderian... Nicht zuletzt soll aber auch beim Mitternachtsfußball (früher), bei Kanufahrten und Go-Kart-Rennen der Spaß nicht zu kurz kommen. - Ein würdiger Ausgleich für die Anstrengungen der Gruppenarbeit, im Verlauf derer der Jugendliche ins gesellschaftliche Leben wieder zurückfinden soll. Die Stationen: „Wohnung, Lehrstelle, Arbeit, Zukunft.“ Der Weg dorthin ist beschwerlich, hängt nicht zuletzt von der Kooperation und dem Einverständnis des Jugendlichen ab, dem die Notwendigkeit vom Handeln in einer gesellschaftlichen Welt, dem Wandel in seiner Lebensführung nicht selten erst verdeutlicht werden muß. Ohne die nötigen Lebenseinstellungen kippt der Jugendliche nämlich „beim nächsten Sturm gleich wieder um“. Der Straßen-sozialarbeiter ist so nicht nur Ansprechpartner für Jedermann, sondern bei der Gruppentherapie wird er gleichzeitig auch zum Lebens-abschnittsbegleiter für den Jugendlichen jemand, der mit dem Lehrmeister wegen der Reduzierung des Lernaufwandes spricht, den Jugendlichen zum Arbeitsamt begleitet oder ihm den Sinn eines behördlichen Formulars erklärt, wenn es sein muß. Der Straso ist absolut parteilich, nämlich immer auf der Seite seiner „Schützlinge“ zu finden, auch behandelt er seine Aktennotizen mit professioneller Diskretion: Die Informationsweitergabe an Dritte, insbesondere vor der Polizei, wird weitgehend durch das Zeugnis-verweigerungsrecht verhindert. Auf Einzelschicksale ausgerichtet ist der Weg zum Erfolg des Strasos so immer mühsam und steinig. Der Straso selbst ist vor Rückschlägen in seiner Aufbauarbeit natürlich nicht gefeit, wenn Jugendliche plötzlich ihr Vertrauen verwehren und bei einer Maßnahme schlicht nicht kooperieren. Ist die Vertrauensbasis zwischen Jugendlichem und Straso erst einmal in Frage gestellt, steht alles bereits Erreichte schnell auf der Schwebe. Ein Neuanfang ist dann meistens unvermeidlich, vorausgesetzt der Jugendliche hat seinen Willen dazu nicht verloren. Wenn doch, dann darf er auch derjenige sein, der die Zusammen-arbeit quittiert. So nach dem Motto: „Hier ist deine Akte, und dort ist der Reißwolf“, erklärt Guderian rau und sucht die Contenance zu wahren... (vos),(so) Aufruf AgAG in Greifswald |