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OB
Dr. Arthur König im Interview
"Jugendliche
sind nicht politik-verdrossen, sondern politiker-verdrossen"
Greifswald
hat seit Sommer letzten Jahres einen neuen Oberbürgermeister. Dr.
Arthur König (CDU) ist seitdem für die Belange der Stadt und
damit auch für uns Jugendliche verantwortlich. Wir konnten von der
Stadtjugendzeitung quer mit ihm ein Interview zu seiner Jugend
und seinen Vorstellungen für Greifswald machen. Das Interview führten
Björn Richter und Roman Cieslik.
Quer:
Was war das besondere an ihrer Jugendzeit?
OB: Ich komme aus der Altmark, das ist die Region zwischen Salzwedel
und Stendal - damit ziemlich weit von Greifswald entfernt. Uns fehlt dort
einfach das Wasser. Ich bin auf einem Dorf mit 300 Seelen aufgewachsen.
Es gab bei uns wenig Vereine und was man heute unter Jugendarbeit versteht,
wurde einfach von uns Jugendlichen selber gemacht. Organisierte Jugendarbeit
kannten wir damals kaum Computer gab es noch nicht. Es war gleichzeitig
die Zeit als Jeans, Kofferradios und Tonbandgeräte aufkamen. Wenn
man eines davon hatte, war das schon was Tolles. Ich bin aber schon mit
18 Jahren nach Greifswald gekommen und das war für mich dann der
Sprung vom Jugendlichen zum Studenten und damit zum fast Erwachsenen.
Quer:
Kann man sich das so vorstellen, Dr. König mit Kofferradio und keine
Lust auf Schule. Oder passen Sie in das Klischee nicht rein?
OB: Ich bin schon ganz gerne zur Schule gegangen deshalb kann
ich das nicht mit entweder/oder beantworten. Um mir ein Tonbandgerät
zu leisten, musste ich oft in den Sommerferien auf einem Bohrturm bei
Salzwedel und in der Brauerei in Gardelegen arbeiten. Jeans waren damals
ein Fernziel für uns. Wir bekamen sie nur über Kontakte in die
Bundesrepublik oder man tauschte sie untereinander. Insofern waren diese
Sachen etwas, was ich nicht immer hatte.
Quer:
Sie haben vor kurzem eine Fahrradtour mit dem Stadtjugendring in verschiedene
Jugendeinrichtungen durch Greifswald gemacht. Was war Ihr Eindruck von
den Einrichtungen und Jugendlichen in Greifswald?
OB: Ich war erst einmal sehr überrascht über die Vielfalt
der Einrichtungen in Greifswald. Nun bin ich zwar schon seit zehn Jahren
in der Kommunalpolitik aktiv, aber die typischen Jugendthemen waren nicht
der Bereich, mit dem ich mich vorrangig beschäftigt habe. Ich war
mit dem Stadtjugendring zum ersten Mal bei den Pfadfindern in der Stralsunder
Straße und war begeistert über das offene Jugendwohnen, das
dort praktiziert wird und auch über das Flair, was von dort ausgeht.
Das trifft auch für das Pariser und das klex
zu, wo ich auch gesehen habe, welche Eigeninitiative hinter den Mauern
schlummert.
Quer:
Im Umgang mit Freunden aus Schwerin oder Berlin wird man oftmals gefragt,
wenn man sagt, daß man aus Greifswald stammt ach, du
kommst aus der Hochburg der Rechten. Wie würden Sie antworten?
OB:
Ich würde Greifswald nicht als Hochburg der Rechten bezeichnen und
finde es auch nicht gut, daß der FOCUS damals unsere Region als
Zone der Angst beschrieben hat. Ich finde das stigmatisiert
eine ganze Region und zeigt auch nicht das wahre Gesicht von Greifswald
und Vorpommern. Ich bin angenehm überrascht was in den Freitagsrunden
passiert. Wenn ich zurückblicke, mit welchem Engagement die beiden
Gegenaktionen zu den NPD Demos am 14. Januar und am 01. September
vorbereitet wurden und das gerade von jungen Leuten, dann ist dort aus
meiner Sicht hier etwas Vernünftiges und Stabiles gewachsen. Allerdings
will ich die Probleme mit Rechtsextremismus nicht kleiner
reden. Ich kann auch nicht einfach so an den Infoständern der NPD
vorbeigehen, ohne erschrocken und betroffen zu sein. Aber auf ein Katz-und-Maus-Spiel
mit der NPD können wir uns nicht einlassen. Ich weiß nicht,
ob wir als Verwaltung immer schneller und effektiver sind als die Leute,
die die NPD Infostände organisieren. Insofern müssen wir uns
andere Strategien überlegen und deshalb finde ich die Freitagsrunde
so wichtig. Ich denke da bemühen sich Greifswalder in vielen Aktionen
dem Problem zu begegnen. Das Problem des Extremismus ist aber ein vielschichtiges
Problem.
Quer:
Also ihre Strategie ist Greifswald bunt zu gestalten oder haben Sie auch
konkrete Aktionen von Seiten der Stadt geplant?
OB: Greifswald ist eine bunte offene Stadt von den über 7.500
jungen Studenten sind eine nicht unerhebliche Anzahl ausländische
Studenten. Wir freuen uns über jeden, der aus dem Ausland nach Greifswald
kommt, um hier zu studieren. Deshalb bedauere ich alle Aktionen der NPD
und wir unterstützen als Stadt alle Initiativen, die sich für
Greifswald als eine bunte, offene Hanse- und Universitätsstadt einsetzen.
Quer:
Sie sind als OB neu gewählt worden Sie versprachen vor ihrer
Wahl Veränderungen, gerade auch für junge Leute. Was soll sich
Ihrer Meinung nach in den nächsten Jahren in Greifswald ändern?
OB: Die Veränderungen im Kita- und im Schulbereich sind uns
mehr oder weniger durch die Demographie aufgezwungen, weil wir sinkende
Zahlen von Kindern und Jugendlichen haben. Und es ist schon traurig, wenn
wir so viele Einrichtungen schließen müssen und ich hoffe,
daß wir trotzdem Kita´s und Schulen in einer breiten Trägerlandschaft
und mit einem interessanten Profil erhalten können. Das trifft z.B.
auf das Herdergymnasium als Europaschule, das Humboldtgymnasium mit seiner
mehr mathematisch-naturwissenschaftlichen und sportlichen Ausrichtung
und auf viele weitere Schulen zu. Was die Jugendarbeit anbelangt, wünsche
ich mir mehr, daß das nicht von oben angeordnet wird sondern
da würde ich auf den Stadtjugendring und die Träger zugehen,
um gemeinsam Möglichkeiten herauszufinden, wie man die Arbeit koordiniert
oder herausfindet, was anders gestaltet werden muß. Ein Aufsatteln
der finanziellen Mittel für die Jugendarbeit kann es in der nächsten
Zeit aber nicht geben. Eine der ersten Dinge, die ich als neuer Oberbürgermeister
tun musste, war eine Haushaltssperre zu verhängen und das zeigt schon,
wie es um die Finanzen der Stadt bestellt ist.
Quer:
Würden Sie bei der jetzigen Universität wieder nach Greifswald
kommen oder würden Sie andere Städte für ihr Studium wählen?
OB: Ich komme aus der Altmark und für die Altmärker waren
damals Halle und Jena die typischen Universitätsstädte. Mich
zog es aber an die Küste. Und ich würde immer wieder nach Greifswald
kommen, um hier zu studieren. Allerdings würde ich als Student jetzt
gern für einige Semester ins Ausland gehen. Das war damals vor 30
Jahren so nicht möglich, leider. Zudem ist die Uni Greifswald heutzutage
besonders attraktiv. Das sieht man schon an den Zahlen der Studierenden
- 1990 hatte die Uni 3.500 Studenten und heute sind es schon 7.500 Studierende,
also mehr als das Doppelte. Und ich denke der Aufwärtstrend ist immer
noch da als Stadtoberhaupt halte ich eine Zahl von 10.000 Studenten
für erstrebenswert, das würde gut zu Greifswald passen.
Quer:
Es wird immer sehr häufig über die unmotivierte Jugend gesprochen,
wenn man sich die Wählerquoten oder die Beteiligung in Parteien anschaut.
Was halten Sie von diesem Phänomen?
OB: Das die Jugend politikverdrossen ist, kann ich nicht sagen
Jugendliche arbeiten in der Freitagsrunde mit und sie sind in diversen
Vereinen aktiv oder engagieren sich in verschiedenen Initiativen. Ich
denke eher, daß Jugendliche politikerverdrossen sind. Ich würde
mich aber freuen, wenn Jugendliche mehr an den Bürgerschaftssitzungen
teilnehmen würden ich muß gestehen, daß ich wenig
Jugendliche in den Bürgerschaftssitzungen sehe, obwohl dort Sachen
besprochen werden, die sie selber betreffen, wie z.B. die Sportstättensatzung
o.ä. Ein stärkeres Interesse vieler Jugendlicher an kommunalen
Angelegenheiten würde ich mir sehr wünschen.
Quer:
Es gibt die Idee vom Stadtjugendring ein offenes Jugendforum in Greifswald
zu initiieren, wo genau solche Frage besprochen werden und an dem alle
Jugendlichen aus Greifswald teilnehmen könnten. Was halten Sie von
dieser Idee würden Sie mitmachen?
OB: Wenn es solch einen Weg von Seiten der Jugend zu einem offenen
Jugendforum gibt, wäre ich dafür erst einmal offen ich
müßte aber nähere Informationen haben, um mich für
dieses Forum zu begeistern. Aber, wenn das Angebot von den Jugendlichen
selber organisiert wird, kann man darüber reden und schauen, wie
man das gemeinsam realisieren und auf die Beine stellen kann.
Quer:
Sie haben in ihrem Wahlprogramm geschrieben, daß Sie die Abwanderung
von Jugendlichen stoppen wollen. Die realen Zahlen sprechen momentan gegen
Ihr Ziel.
OB: Die Demographie zeigt uns leider, dass es aus Greifswald und
der Region Abwanderung, gerade von jungen Fachkräften, gibt. Auch
hier gibt es nicht die Lösung sondern es muß ein Bündel
von Lösungen angegangen werden. Zuallererst benötigen wir interessante
und qualitative Bildungseinrichtungen und Freizeiteinrichtungen für
Jugendliche. Viele davon besitzt Greifswald schon. Natürlich müssen
wir für mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze in der Stadt sorgen,
aber das liegt nur bedingt in der Hand von Kommunalpolitikern. Hier sind
auch die Politiker von Land und Bund gefordert. Wir haben aber gute Möglichkeiten
Existenzgründungen zu unterstützen und hier sehe ich noch viel
Spielraum gerade für junge Akademiker, die sich selbstständig
machen wollen. Eine gute Entwicklung Greifswalds setzt auch ein positives
und motiviertes Klima in der Stadt voraus. Wir brauchen ein stärkeres
wir - Gefühl, damit wir gemeinsam Greifswald zu einer interessanten
Stadt machen, die rundherum attraktiv ist. Ich hoffe, daß wir das
Richtige tun und die Jugendliche sich in Greifswald wohl fühlen,
das müssen sie aber selber entscheiden. Ich würde mich auch
freuen, wenn Jugendliche, die Greifswald zur Ausbildung verlassen haben,
verstärkt wieder in die Hansestadt zurückkehren würden.
Quer:
Sie sind jetzt mehr als 100 Tage im Amt womit haben Sie die meiste
Zeit als Oberbürgermeister verbracht?
OB: Das kann ich so nicht sagen in der Regel beginnt mein
Tag um 8:00 Uhr und endet kaum vor 19:00 Uhr. Ich versuche viel bei den
Bürgern zu sein, das reicht von der Weihnachtsmarkteröffnung
bis zu Jubiläen, von Jugendeinrichtungen oder wie 50 Jahre
- Segelschiff Greif. Wo Bürger sind und sich treffen, möchte
ich dabei sein, um herauszubekommen, was sie bewegt nicht nur was
positiv ist sondern auch was nicht so glücklich in der Stadt läuft.
Ansonsten bin ich natürlich viel in der Verwaltungsarbeit eingespannt
und dort braucht man ein dickes Fell denn zu mir kommen meistens
nicht die Sachen, die gut laufen, denn die werden auf anderer Ebene in
der Verwaltung entschieden sondern die Fälle, die problembelastet
sind. Insofern ist man ganz schön eingespannt. Ein OB braucht über
mangelnde Beschäftigung nicht zu klagen.
Quer:
Haben Sie in Greifswald einen Lieblingsplatz in Ihrer Freizeit?
OB: Da gibt es nicht einen Platz aber ich fahre gerne Rad,
z.B. mache ich gerne Radtouren über den Elisenhain nach Eldena und
Friedrichshagen oder in Richtung Weitenhagen, Pollhagen rüber nach
Helmshagen. Nachdem ich die ganze Zeit am Schreibtisch sitze und leider
keine Zeit für den organisierten Sport habe, ist Radfahren eine willkommene
Abwechslung und tut mir gut.
Kontakt: roman@quer-format.com
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