Obdachlos
in Greifswald
Das
Obdachenlosenheim in Eldena
Die Geschichte
der Heimatlosen und Berber beginnt in den neuen Bundesländern mit
der Wende. Als die Zahl der Menschen, die erst ihre Arbeit und dann ihren
Wohnsitz verloren haben, stetig zunahm, mußten hierzulande erst
Einrichtungen für die Volkssolidarität geschaffen werden. Bis
1993 diente eine Einrichtung in der Pestalozzistraße als provisorisches
Notunterkunftsquartier. Das erste Obdachlosenheim in Greifswald mußte
aber bald schon wegen Baumaßnahmen geschlossen werden und die Suche
nach einem neuen Standort begann. ...
Ortswechsel.
Die Idylle trügt, hier im Gartenweg/Eldena unweit der Klosterruine
und zur Rechten vom Sparmarkt. Eine Baracke mit einem unscheinbaren Schild
Gebrauchtmöbellager auf mintfarbenem Putz steht hier
inmitten eines Komplexes aus aufgefädelten Reihen-, Ein- und Mehrfamilienhäusern
und sorgte vor einigen Jahren noch für Zunder im nunmehr ruhigsten,
beschaulichsten und spießigsten Viertel in ganz Greifswald. Die
Anwohner gingen hier früher einmal richtig auf die Barrikaden. Als
man ihnen von einem in unmittelbarer Nachbarschaft geplanten Obdachlosenheim
erzählte, fürchtete man um seinen guten Ruf und nicht zuletzt
seinen gesunden Schlaf. Vielen muß es wie eine Ironie des Schicksals
vorgekommen sein, eine Vision des Schreckens: Man gedachte das Elend der
Greifswalder Ghettoviertel Ostseeviertel/ Schönwalde
(Monitor berichtete) zurückzulassen, als man mit viel
Mühe und Aufwand hierher in den Speckgürtel zog. Und nun holte
es einen in mephistophelisch wandlungsfähiger Form vor der eigenen
Haustür wieder ein, in der Gestalt des Obdachlosen. Nazis, Obdachlose...
Wo ist da der Unterschied? Sie alle trinken Bier und lallen, auch
ungefragt, streunen die Straßen entlang, als hätten sie kein
Zuhause, und werfen mit Flaschen. Was die Gesellschaft in ihrer Geschichte
hervorgebracht hat, an Werten und Gütern, wovon sie profitieren,
das treten sie mit Füßen, weil sie keinen gottverdammten Anteil
daran haben. Sie sind sowieso zu nichts gut, uncharismatische Versager,
wie sie im Buche stehen. ...
Als der Alptraum Wirklichkeit wurde, verlor er seinen Schrecken. Denn
nach der Einrichtung des Obdachlosenheims in Eldena blieben die Belästigungen
der Obdachlosen weitgehend aus, und so kehrte wieder Frieden ein in das
Greifswalder Kleinod. Es ward zwischenzeitlich sogar so ruhig, daß
nur noch wenige Greifswalder und sogar nicht einmal mehr alle (neu zugezogenen)
Anlieger um den Barackenbau bei der Mühle wußten. Und hin und
wieder passiere es noch, so Heimmeister Krüger, daß
er mit ein paar unbekümmert vorüberziehenden Passanten ins Gespräch
kommt. Die seien dann immer ganz überrascht, fast fassungslos, wenn
sie die wahre Funktion des Anwesens begreifen: Was? Hier in Greifswald
gibt es ein Obdachlosenheim?, stößt es verblüfft
aus ihnen heraus... - Was? In Greifswald gibt es Obdachlose? Wurden die
nicht schon alle um die Ecke gebracht?
Gehen wir in uns: Zwei Obdachlose wurden in Greifswald getötet. Der
Tod des einen, Klaus Gerecke, versetzte die ganze Stadt in Aufruhr. Den
Namen des anderen haben heute schon wieder viele vergessen. Eckard Rütz.
- Es sei an ihn erinnert. Was machte Gerecke denn so besonders? Kann uns
die Heimleitung weiterhelfen, den Mythos um ihn aufzuklären? Herr
Krüger, kannten Sie Klaus Gerecke? Nein,
seine Antwort. Leider nicht. Natürlich habe Gerecke mal ab und zu
bei ihm im Obdachlosenheim genächtigt, am nächsten Tag wäre
er aber meist wieder verschwunden gewesen. Die meiste Zeit zog er herum.
Von vielen, die ihn kannten, wird er als ein rastloser Geselle beschrieben,
jemand, der ständig auf Achse ist, keine Zeit zum Verweilen und Erzählen
hat. Gerecke war kein typ-ischer Obdachloser: Er liebte seine Freiheit.
Die
Freiheit, der Umstand, kein Zuhause zu haben, keine Bindungen eingehen
zu müssen, befähigt allerdings die wenigsten Obdachlosen zu
einer positiveren Lebenseinstellung.
Obdachlosigkeit
ist entgegen weitverbreitetem Glauben keine anerkannte alternative Lebensform,
zumindest nicht in Greifswald.
Die
Obdachlosen., tönt die Volksmeinung, das sind doch die,
die der Allgemeinheit auf der Tasche liegen, die nicht arbeiten wollen,
weil sie große Stücke auf ihre Freiheiten und ihre Unabhängigkeit
geben. Nein. Die wenigsten Obdachlosen sind der Ansicht, daß
Arbeiten in einem Sozialstaat keinen Sinn mache. Die wenigsten sind obdachlos,
weil sie es so wollen. Im Gegenteil sie wollen so schnell wie möglich
aus diesem Sumpf heraus, der sie ins gesellschaftliche Abseits zieht,
der ihre ewige Pechsträhne versinnbildlicht, die sie erst in ihre
jetzige Lage manövrierte: Arbeitslos. Betrunken. Verlassen. Und jetzt
auf der Straße. Um von dort wegzukommen, brauchen sie Hilfe. Das
Obdachlosenheim kann ihnen helfen.
Es verfügt über sechzig Heimplätze, deren Auslastung liegt
aber oft nur bei etwa einem Drittel. Wohl aber, mag man meinen, hat Greifswald
mehr als zwanzig Obdachlose, was bezeugt, daß nicht alle den Weg
ins Heim finden. Stattdessen treiben sie sich herum, finden die eine oder
andere Nacht Unterschlupf bei einem Freund oder improvisieren. Warum?
- Vielen ist der Weg von der Stadt nach Eldena schlicht zu weit. Fuhren
sie mit dem Bus, würde sie das ca. 1,30 EUR kosten. Und wer gibt
schon Geld für den Bus aus, wenn er im Supermarkt dafür drei
große Dosen Bier bekommt?
Dann gibt es noch einige, die kommen mit den Bestimmungen im Heim nicht
klar. Dort sind nämlich Hunde verboten, auch muß man sich das
Zimmer mit einem oder zwei Mitbewohner teilen. Für jemanden, der
zuweilen an ein Einsiedlerdasein gewöhnt ist, eine echte Herausforderung.
Die Zimmer sind spartanisch mit Militärbetten, einem Tisch
und Wandschränken für das nötigste eingerichtet. Die Bewohner
genießen viele Freiräume, haben freie Hand in Sachen Freizeitgestaltung,
können faktisch kommen und gehen, wann sie wollen, außer abends.
Dann, wenn Herr Krüger gegangen ist, die Riegel dicht sind, pfercht
man sich gemeinsam im Clubraum vor dem Fernseher und trinkt das eine oder
andere Bierchen auf den Durst und vergißt für einen Augenblick
seine Sorgen.
Dennoch müssen sich die Bewohner an gewisse Spielregeln halten. Die
oberste: Bier bitte nur in Maßen! Sie müssen sich an ein bestehendes
Grundmaß an Hygiene anpassen, sich selbst verpflegen, denn die Speisen
werden ihnen nicht serviert. Das soll ihnen helfen, nicht ihre Selbständigkeit
zu verlieren. Sowieso möchte Herr Krüger Besuchern im Heim,
das ohnehin um sein passables Image zu kämpfen hat, ein anderes Bild
zeigen als jenes, das sich ohnehin schon in den Köpfen als Klischee
gebrannt hat.
Bei
uns im Heim ist noch niemand belästigt worden. , fügt
er dem hinzu, als wolle er andeuten, daß die Realität auch
anders aussehen kann. - Aber wer besucht denn schon freiwillig ein Obdachlosenheim,
um seine Vorurteile zu überprüfen? Gerhard Schröder hat
andere Termine, der Durchschnittsbürger andere Sorgen. Es bleibt
dabei: Obdachlosigkeit ist immer noch ein Tabuthema. Die Medien berichten
lieber über Behinderte oder schon Gestorbene als über Obdachlose.
Auch wenn es positive Beispiele gibt: So stattete vor kurzem die Leiterin
des Literatursalons dem Heim und seinen Bewohnern einen Besuch ab und
will nun in den Örtlichkeiten eine Lesung für die Bewohner halten.
Um
mehr auf die Probleme sozial benachteiligter und vor allem obdachloser
Menschen aufmerksam zu machen, erscheint in Greifswald seit neuestem eine
Zeitung mit Namen Reißnagel im Greif-zu-Verlag.
Es gibt noch ein paar Startschwierig-keiten, Probleme mit der Verteilung,
aber fest steht: Die Zeitung wird weiter erscheinen und sie kommt den
Obdachlosen zugute, da 50 % des Verkaufserlöses direkt in ihre Taschen
fließen.
Aber
kann den Obdachlosen überhaupt noch geholfen werden? - Herr Krüger
ist der Meinung: Hier, im Obdachlosenheim, ist nicht Endstation.
Für die wenigsten. Das Obdachlosenheim ist wie ein Sprungbrett oder
ein Trampolin. Es soll die sozial Schwachen im freien Fall auffangen,
bietet ihnen vorübergehend ein Obdach und eine Existenzgrundlage.
In Kooperation mit sozialen Trägern können dann Maßnahmen
zur Integration des Betroffenen zurück ins Gesellschaftsleben erfolgen.
Es muß eine neue Wohnung für den Obdachsuchenden gefunden,
deren Finanzierung geklärt und eine Einrichtung entsprechend den
Bedürfnissen des Obdachlosen aufgetrieben werden. Hier helfen nicht
nur die Behörden, sondern auch z. B. das Obdachlosenheim selbst weiter.
Wir erinnern uns an das Schild, das wohl Spender anlocken soll: Gebrauchtmöbellager.
Aus der Sammlung des integrierten Gebrauchtmöbellagers, ausnahmslos
Spenden, können die einstigen Bewohner (und andere) nach Bedarf und
mit Schein vom Amt fischen gehen.
Der
nächste Schritt, die Rückkehr in den Berufsalltag, soll zunächst
auf Zeit (ABM), dann mit dem Ziel der vollständigen Rehabilitation
bewerkstelligt werden. Dies ist nicht immer einfach. Nicht umsonst gelten
vor allem Langzeitarbeitslose als äußerst schwer vermittelbar.
Es klingt grotesk, aber wer mindestens zwei bis drei Jahre ohne Arbeit
war und sich in einen Trott aus Bummeln, Bier holen und Bemitleiden einlebte,
bekommt Schwierigkeiten, die eingefahrenen Gewohnheiten aufzugeben,
sich
wieder in einem Arbeitsumwelt zurechtzufinden und zu lernen seine Zeit
richtig einzuteilen. Das ist ein bißchen so, als wenn einem Schüler
seine Freiheiten auf ähnliche Weise eingeschränkt würden,
indem man ihm 50 % seines Taschengeldes kürzte. Das Ergebnis: Er
kommt einfach nicht mehr zurecht. - Panik vorm Vorstellungsgespräch
und Ängste, den neuen Anforderungen nicht mehr zu genügen, sind
die Folge für den vormaligen Obdachlosen. Der Griff zur Flasche ist
die Konsequenz, der Teufelskreis dann geschlossen. Herr Krüger darauf:
Dann gibt es keinen Ausweg mehr, dann ist alles verloren.
Volker
Schloßhauer
Kontakt:
volker@quer-format.com
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