"Ich muß verrückt geworden sein"
von einem "Aufenthalt" in der Rostocker Nervenklinik
 

Habt ihr schon mal das Gefühl gehabt, ihr seid verrückt? Dass man wie im Trance durch die Zeit wandelt, und eigentlich das Gefühl für sie völlig verloren hat? Dass Realität und Traum so sehr miteinander verschmelzen, dass man es nicht mehr auseinanderhalten kann und sich in die Hosen macht, weil man fest davon überzeugt sind, man sitzt auf Toilette?

Und wisst ihr, wie das ist, wenn das Leben euch wie in einem Drogentaumel auf und ab bewegt, und dein Blut hinterher, auch wenn man völlig nüchtern ist. Wenn man fröhlich lacht und lacht und dann vor Verzweiflung weint und schreit, und man beginnt, gegen Wände zu rennen und gegen Möbel zu treten, urplötzlich wieder still ist und kein Wort mehr sagt, um im nächsten Augenblick in sich zusammenzusacken und sich so sehr zu wünschen, so sehr nicht mehr da zu sein? Nicht mehr da zu sein, einfach körperlos, schwerelos, die eigene Physik zu überlisten, das Offensichtliche Lüge zu strafen, sein Blut in Klavierlaute und seine Knochen in Engelsflügel zu verwandeln.

Ich war überzeugt davon, dass ich verrückt war...

Mein Himbeerbonbon hinterlässt Zuckerspuren auf meinen Zähnen. Die Weinflasche, die vor mir steht, ist fast leer, die Kerzen in meinem Kopf und auf dem Tisch heruntergebrannt. Warum ich das erzähle? Weil es zu meinem Leben gehört, jeder kleinste Augenblick. Wie eine Momentaufnahme mit einer Schwarz-Weiß-Kamera, ein Schnappschuss. Das Leben besteht aus einer aneinandergereihten Kette von Momenten, für sich alleine stehend, manchmal sich gegenseitig beeinflussend. Jedoch habe ich den Glauben an Zusammenhänge verloren, denn nie konnte oder kann ich voraussagen, was der vorherige Moment mit dem nächsten zu tun haben würde. Es scheint, als ob Zeit nicht existiert, jedenfalls nicht linear. Wenn das Leben wirklich aus lauter aneinandergereihten Momenten besteht, die sich nicht wiederholen und einzigartig sind, dann bedeutet das, dass es keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt. Denn jeder neue Moment ist eine neue Gegenwart, und jede Erfahrung, die wir im vorangegangenen Moment gemacht haben und die den neuen beeinflussen, ist dann Teil dieses neuen Moments, und es gibt keine Erfahrungen aus der Vergangenheit mehr. Und jeglicher Gedanke an die Zukunft und eine Handlung, die diese beeinflussen könnte, ist ebenfalls Teil des eben gelebten Moments, und verwandelt sich automatisch in die gegenwärtigste Gegenwart.

Vor 4 Wochen wurde ich aus der Nervenheilanstalt Gehlsheim in Rostock entlassen, Abteilung für Psychosomatik und psychotherapeutische Medizin. Meine Diagnose: Persönlichkeitsstörung, generalisierte Angststörung, Depressionen, selbstmordgefährdet und autodestruktiv. Verstanden habe ich bis heute nicht, was das wirklich bedeutet. Aber verstanden habe ich, dass die Menschen mit dem Thema „psychisch krank“ nicht umgehen können. Mitleid oder Ignoranz sind Reaktionen. Weil niemand eigentlich weiß, worum es geht. Worüber reden wir hier eigentlich? Darüber, dass in dieser Gesellschaft mehr denn jemals zuvor Menschen sich verlieren, Schicksale zerbrechen, Seelen verletzt werden. Darüber, dass mehr als je zuvor überfordert sind, mit dem Tempo ihres Umfeldes nicht mithalten können, nicht schnell genug erwachsen werden.

18 Wochen habe ich in der Klinik verbracht, zusammen, mit Peter, dem 50-jährigen Bauingenieur, Gerhard, dem 44-jährigen Wagenmeister bei der Bahn, Katrin, der 42-jährigen Sozialpädagogin, Dani, der 22-jährigen Zahnarzthelferin, Stephan, dem Politikstudenten und Claudia, der 21-jährigen Krankenschwester. Menschen, die man täglich auf der Straße treffen könnte, die Familie, einen Job und einen Traum haben. Und alle hatten Angst, irgendwem zu erzählen, wo sie gerade sind.

Auf unserer Station waren 16 Patienten ab 18 Jahren bis 65 und älter. Es gab 3-Bett Zimmer, Bäder, einen Aufenthaltsraum, einen großen und einen kleinen Therapieraum plus diverse Zimmer für die Ärzte und das Personal.

Psychotherapie besteht aus mehreren Bausteinen. Es gab zwei Gruppen á 8 Leuten, zu denen man einen sehr engen Bezug hatte. Vier mal in der Woche fand die Gruppentherapie statt, die von einem Arzt geleitet wurde, 70 min lang. Hier konnte alles gesagt oder besprochen werden, was einem in den Kopf kam. Manchmal wurden nur Witze gerissen, manchmal gab es viele Tränen. Konflikte wurden hier ausgetragen, die zwangsläufig zustande kamen bei so einer heterogenen Gruppe auf so engem Raum. Konfliktbewältigung ist elementarer Bestandteil einer Therapie, so wurden Konflikte zwischen den Patienten vom Team auch forciert.

Weiterer Bestandteil der Therapie ist die Kreativtherapie, in der man sich über diverse Materialien (Ton, Malen, Rollenspiel) einem Thema nähert. Es ging nicht um Schönheit oder Kunst, sondern um Ausdruck seiner eigenen Gefühle. Vielen kam das albern vor, dennoch hat man viel über sich gelernt.

Die kommunikative Bewegungstherapie beschäftigte sich mit dem Körper und der eigenen Wahrnehmung desselben. Das war oft die anstrengenste Therapie, weil es sehr intensiv um das Wahrnehmen von Schmerz, Unruhe, Unsicherheit etc. ging.

In der Sporttherapie hingegen ging es um einen Ausgleich zu den Sitzungen, aber auch um das Rollenverhalten in der Gruppe.

Neben den Gruppensitzungen hat jeder Patient einmal in der Woche ein Einzelgespräch in dem alles angesprochen wird, was in der Gruppe nicht möglich ist. Oft baut man eine sehr intensive Beziehung zum Einzeltherapeuten auf, weil dieser einen im Laufe der Therapie sehr gut kennenlernt und man viel von seinen Geheimnissen preisgibt. Außerdem gibt es noch einen Baustein „Körperwahrnehmung“, den insbesondere Patienten, die ein gestörtes Essverhalten an den Tag legen, wahrnehmen können.Dann gibt es noch jeweils eine Gruppe für Patienten mit Angststörungen und mit Schmerzstörungen, die zweimal in der Woche stattfinden. Jeden Tag gab es eine Tagesrunde, in der die Patienten den Tag reflektieren konnten und über Fortschritte und Rückschläge berichteten.

Ich schreibe dies auf, weil ich denke, dass sich kaum jemand etwas unter so einer Psychotherapie vorstellen kann, ohne zu wissen, was wirklich dort passiert.

So viele Menschen brauchen mittlerweile Hilfe bei Problemen, mit denen sie nicht weiterkommen. Aber die meisten können sich das nicht eingestehen und lachen über die, die versuchen, etwas an ihrer Situation zu verändern. Es ist traurig, dass es immer noch als Schande gilt, sich helfen zu lassen. Warum geht eine Gesellschaft, die so viele Probleme in sich birgt und aufgrund derer so viele Menschen überhaupt erst in die Situation gelangen, nicht mehr weiter zu wissen, so ignorant mit diesem Thema um? Aus Angst, einen Fehler in sich selbst einzugestehen? Aus Scham, weil es nicht ins Profil passt?


Es gibt keine Normalität und kein Schema, in das man passen muss. Wenn ich eins gelernt habe, dann ist es, dass jeder Mensch in sich so viel Potential, soviel individuelle Gedanken und Formen, mit Situationen umzugehen birgt, dass von Normalität keine Rede sein kann.

Ich bin nicht gesund, es wird noch Jahre dauern, bis man das sagen kann, vielleicht wird es nie passieren. Dennoch bin ich in der Lage zu lachen, mit Freunden ins Kino zu gehen, zu lernen und intensiv zu leben. Ich gehe auf der Straße, und es steht mir nicht auf der Stirn geschrieben, wo ich war. Jemand, der es nicht weiß, würde es nicht vermuten.
Eine Psychotherapie zu machen ist weder ungewöhnlich noch unglaublich dramatisch, es ist einfach eine Phase des Lebens, in der man sich selbst ein bisschen näher kommt.

Der Autor ist der Redaktion bekannt. Sein Name wird aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht erwähnt.

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