Interview mit Curse
"Gestern war Ruhe, heute ist Sturm"
 


„Wer von Euch ist heute wegen Hip Hop hier?“ fragt Curse. Die Masse schreit. Das geht drei mal so, hin und her, bevor mit „Denk an mich“ das neue Album des deepsten deutschen MCs beginnt.
Der 23jährige Rapper aus Minden schrieb sein neues Programm zum Großteil während eines zweimonatigen Trips von Singapur über Neuseeland und Tonga nach Hawaii und Jamaica und anschliessend wurde es von Cousengos und Kollegen produziert. Mit Gästen wie Xavier Naidoo, King Kool Savas, Tone & Azad, Samir & Germany.
Der Titel: „Von innen nach aussen“. Und genau das ist es: Ausbruch nach Einsicht, Einkehr zum Ausdruck. Tiefe Stimme, tiefe Texte. Gestern war Ruhe, heute ist Sturm. Curse weiß, was er will. Er rappt, was er denkt. Und vor allem, was er fühlt. Niemand sonst reimt so ehrlich und offen über die Stories in seinem Leben. Von Frauen und Familie, Battles und Business, Süssholz und Soulmusic, Napster und Nazis. Ein Meisterwerk in 20 Kapiteln.

Wir trafen ihn vor einem Konzert in Rostock und fragten ihn einige Dinge, die uns interessierten ... unter anderem, wie er zum Hip Hop gekommen ist.

Curse: Also, als ich damals im Kindergarten war, hatten wir einen Zivi, der Breaker war. Und der hat mir dann Break-Dance beigebracht. Damals fand ich das sehr cool und hab halt im Kindergarten gebreakt. Ich hab dann meine Eltern losgeschickt, um meine ersten HipHop-Platten zu kaufen, und immer, wenn irgendwas mit Break-Dance im Fernsehen lief, das auch angeguckt.
Als ich dann um ’89 in der 5. Klasse war, hatten wir einen DJ auf der Schule, der damals Mixtapes gemacht hatte. Ich hab mir da dann die ersten Sachen überspielen lassen. In der 6. Klasse hab ich dann angefangen, mir die ersten Platten zu kaufen, weil ich ein bisschen Taschengeld hatte. Und ungefähr um die Zeit habe ich auch angefangen, zu rappen.

Quer: Du hast ja offenbar sehr große Probleme mit Raubkopierern, die dein Album ins Internet zum kostenlosen Download stellen. Liegt dein Problem nur beim Geld, was du dadurch weniger verdienst?
Curse: Nein. Das ist meine Musik, für die ich ein Leben lang gearbeitet habe, es ist mein Baby, mein Herzblut. Ich schenke diese Musik einigen Leuten in Form einer Promo-CD, bevor das Ding im Laden erscheint. Habe ich mit der Quer auch gemacht. Ich gebe die CD diesen Leuten, weil sie sich das vielleicht anhören und Interesse haben, was darüber zu schreiben. Es ist also ein Geschenk. Wenn ich jemandem etwas schenke, und er mißhandelt dieses Geschenk, dann ist es sehr respektlos, weil diese Person damit letztendlich sagt: „HAHAHA, Curse ist voll die Fotze, ich stell das jetzt ins Internet, das sollen alle umsonst haben!“. Wenn das dann einer runterlädt, dann beklaut er mich. Aber wenn einer das ins Internet reinstellt, dann beklaut er mich nicht nur, sondern es verhält sich mir gegenüber sehr respektlos und hintergeht mich. Es ist aber okay für mich, wenn du es nicht mehr aushalten kannst und dir das Ding drei Wochen vorher runterziehst, um es dann zu kaufen, sobald es rauskommt. Das Problem ist erst, wenn du es nicht kaufst, weil du es schon runtergeladen hast. Und wenn ich dann rausfinde, da ist ein Journalist, der hat die CD gehört und ins Internet gestellt, würde ich sicherlich ein sehr hitziges Gespräch mit dieser Person anfangen. Ich wäre dann extrem sauer auf diese Person. Zurecht, meiner Meinung nach.

Quer: In einem anderen Interview hast du mal gesagt, du würdest dann so was auf deine Art regeln. Inwiefern?
Curse: Das heißt nicht, daß ich da ein Mafia-Schwadron zu denen nach Hause schicke. Okay, kommt drauf an, wie das Gespräch verläuft.

Quer: Bist du eigentlich religiös?
Curse: Ich glaube an Gott. Aber ich fühle mich keiner organisierten Religion zugehörig. Es basiert darauf, daß es Gott gibt, und auf allen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Das ist aber kein Glaubenssystem. Ein System impliziert immer „Ja“ und „Nein“ und „Das ist richtig und das nicht“. Bei mir ist es einfach so: Ich glaube an Gott. Fertig. Und das allein zu sagen bringt so viele Konsequenzen mit sich, da muß man meiner Meinung nach gar kein System haben, um sich daran zu orientieren. „Ich glaube an Gott“, das hat schon so viele Konsequenzen für dein Verhalten und dein Denken, daß für mich persönlich da irgendwie kein System mehr notwendig ist. Ich beschäftige mich sehr viel mit den verschiedenen Religionen, ich lese sehr viel darüber, aber ich gehöre keiner an.

Quer: Du rappst ja auch sehr offen über dieses Thema. Damit stehst du zumindest in Deutschland recht alleine da. Bist du da nicht auf ein Tabu-Thema gestoßen?
Curse: Im Gegenteil! Beim ersten Album habe ich zum ersten Mal in ein paar Zeilen erwähnt, daß ich an Gott glaube. Ich war mir damals gar nicht bewußt, daß das so was Ungewöhnliches ist. Daraufhin bin ich aber von vielen Leuten daraufhin angesprochen worden. Es gab viele Moslems, die dachten, ich sei Moslem. Es gab viele Christen, die dachten, ich sei Christ. Es wurde sogar mal für irgend so eine Glaubensgemeinschaft mit meinen Texten Werbung gemacht. Das war auf einmal also ein riesiges Thema. Und weil ich in jedem Interview danach gefragt wurde, habe ich mal alle Fragen in dem Song „Schein Heilig“ beantwortet. Aber offenbar wirft dieser Song wieder neue Fragen auf, wie man sieht.


Quer: Du bist 23. Ist das nicht komisch für dich, in diesem Alter Erfolg zu haben, während andere Leute noch studieren, teilweise auch erst mit ihrer Schule fertig werden?
Curse: Nein, es ist nicht komisch. Manche Menschen entscheiden sich halt für eine Laufbahn als Chemiker, Arzt oder Fliesenleger - ich habe mich halt für das Rappen entschieden. Ich habe nunmal die Möglichkeit, es zu tun. Es ist egal, wie alt man ist, wenn man ein Künstler ist. Es ist trotzdem was anderes als das Normale. Für mich ist es aber schon normal. Ich würde mich total seltsam fühlen, wenn ich jetzt an irgend einer Uni sitzen würde. So, wie es jetzt ist, ist es gut.

Quer: Okay, du kennst Dr. Dre. Er ist 37, etwas betagter, vielleicht so alt wie dein Vater. Möchtest du auch mit 40 oder 50 noch deine Raps kicken und so sein wie jetzt, oder wirst du mit 40 mit Schnauzer und Krawatte hinterm Bankschalter sitzen und Banknoten zählen?
Curse: Am besten wäre, vor dem Schalter zu stehen und Banknoten zu zählen (lacht). Nein, ich erwarte nichts, ich schau einfach, wie es sich entwickelt. Ich denke nicht, daß ich mit 50 auf der Bühne stehen werde und „Say Ho!“ sagen werde. Aber es kann gut möglich sein, daß ich noch was mit dem Musikgeschäft zu tun haben werde. Als Producer oder als Typ hinter der Szenerie vielleicht. Ich bin mir nicht sicher, aber ich weiß, daß ich mit 40 oder 50 immer noch mein Ding machen werde. Was genau das sein wird, kann ich dir leider nicht sagen. Aber genau das find ich ja auch schön am Leben. Ich finde es schade und langweilig, wenn Menschen in der Schule schon wissen, was sie später studieren werden, um einen bestimmten Beruf zu ergreifen, um dann mit so-und-so-viel Jahren pensioniert zu werden. Sie machen ihr ganzes Leben nur das, was sie schon geplant hatten, als sie 18 Jahre alt waren. Und wenn sie dann 50 sind, merken sie, daß sie ihn ihrem Leben nie was anderes gemacht haben als was sie schon seit 40 Jahren geplant hatten. Das Leben ist für mich da, um Erfahrungen zu sammeln. Jemand hatte mal gesagt, „Wir sind hier auf dieser Erde, um uns die Erde anzuschauen, auf der wir leben“. Darunter verstehe ich reisen, Menschen und Situationen kennenlernen, verschiedene Dinge sich anschauen und auszuwerten. So möchte ich das bei mir machen.

Quer: Wir danken dir für das Interview.
Curse: Kein Problem.


Kontakt: info@quer-format.com